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Die Aufhebung der Leidenschaften

Wir Serben haben Gott sei Dank all unsere Angelegenheiten in Ordnung gebracht, so daß wir in verdienter Muße gähnen können, solange wir wollen, dösen oder uns auf dem Diwan räkeln. Wenn uns auch das zu langweilig wird, werfen wir zum Spaß einen Blick über unsere Grenzen, um zu sehen, wie es in den anderen unglücklichen Ländern zugeht. Man sagt — Gott bewahre uns davor! —, daß es Länder gibt, in denen die Menschen immer streiten und für irgendwelche Rechte, Freiheiten und Sicherheiten Blut vergießen. Man bekommt eine Gänsehaut, wenn man an jene Unseligen denkt, die ihre Angelegenheiten noch immer nicht in Ordnung gebracht haben, während wir sogar schon dazugekommen sind, uns um die Zustände in China und Japan zu kümmern. Jeden Tag entfernen wir uns weiter von unserem Land, und wenn es so weitergeht, werden die Journalisten ihre Berichte bald vom Mars, vom Merkur oder wenigstens vom Mond schicken.

Auch ich bin Mitglied dieses glücklichen Volkes und will nun, um der Mode Genüge zu tun, von einem fernen Land berichten und von Dingen, die sich dort vor langer Zeit zugetragen haben. Man weiß nicht genau, wo dieses Land lag und wie das Volk hieß; sicher ist nur, daß es nicht in Europa lag, und daß es keine Serben waren: alle Historiker der älteren Schule sind sich darüber einig; die der neueren werden darum wahrscheinlich das Gegenteil behaupten. Im übrigen geht uns die Sache nichts an und ich lasse sie daher fallen auf die Gefahr hin, gegen den allgemeinen Brauch zu verstoßen, von Dingen zu reden, die man nicht versteht, und Dinge zu tun, für die man nicht zuständig ist.

Es steht jedenfalls fest, daß jenes Volk sehr verdorben war, voller Laster und böser Leidenschaften, von denen diese Geschichte handelt. Man wird mir wahrscheinlich gar nicht glauben, daß es jemals so verdorbene Menschen gegeben hat: ich möchte deshalb betonen, daß mein Bericht sich auf dokumentarische Unterlagen stützt. Hier in wortgetreuer Übersetzung einige vertrauliche Mitteilungen, die bei verschiedenen Ministerien eingelaufen sind:

„Der Landwirt N. N. aus K. ist heute nach der Feldarbeit in einem Gasthaus eingekehrt, er hat dort Kaffee getrunken und mit sichtlicher Leidenschaft Zeitungen gelesen, in denen die Regierung angegriffen wird…“

„Der Lehrer T. aus B. pflegt, sobald er die Schule verläßt, Bauern um sich zu versammeln, in der Absicht, sie zur Gründung eines Gesangvereins zu überreden. Dieser Lehrer spielt außerdem mit seinen Schülern und Lehrlingen Murmeln, so daß er als sehr schädlich und gefährlich anzusehen ist. Einigen Bauern hat er aus Büchern vorgelesen und sie überdies dazu angestiftet, selbst Bücher zu kaufen. Dieser schlechte Mensch wird auf die Dauer unerträglich. Er verdirbt die ganze Umgebung, indem er den ruhigen und anständigen Bürgern erzählt, das höchste Gut sei die Freiheit, und sie dazu aufhetzt, die Freiheit zu verlangen. Er raucht auch leidenschaftlich und spuckt während des Rauchens auf den Boden.“

„Der Priester D. aus S. ist heute nach der Messe in die Nachbarstadt gegangen, um dort einer politischen Versammlung beizuwohnen.“

„Der Richter S. ist heute für die Neuwahl des Gemeinderats eingetreten. Dieser lasterhafte Richter bezieht ständig die oppositionelle Zeitung, welche er leidenschaftlich liest. Er hat es auch gewagt, einen Bauern freizusprechen, welcher der Amtsehrenbeleidigung, begangen dadurch, daß er vor Zeugen erklärt hat, er wolle nicht mehr im Laden des Ortsvorstehers Gabor einkaufen, angeklagt war. Item derselbe Richter sieht sehr nachdenklich aus, ein klarer Beweis dafür, daß er voller Laster steckt und über eine großangelegte Verschwörung gegen das Regime grübelt. Man müßte ihn der Beleidigung des Staatsoberhaupts überführen, denn er kann keineswegs ein Freund der Dynastie sein. Er verkehrt nämlich im Kaffeehaus eines gewissen Mohr, dessen Großvater ein intimer Freund des Bruders jenes Leon war, der seinerzeit den Aufstand gegen den Großvater des heutigen Staatsoberhauptes angezettelt hat.“

Es gab noch schlechtere Menschen in jenem unglückseligen Land. Man lese nur folgende Anzeige:

„Der Rechtsanwalt in G. hat einen armen Mann vertreten, dessen Vater im vorigen Jahr umgebracht worden ist. Dieser Rechtsanwalt trinkt leidenschaftlich Bier und geht auf die Jagd. Und was noch schlimmer ist: er hat einen Verein zur Unterstützung armer Leute gegründet. Diese freche Mißgeburt erzählt überall herum, die staatlichen Spitzel seien schlechte Menschen.“

„Professor T. ist heute mit wildfremden Kindern durch die Stadt gelaufen und hat bei einem Gemüsehändler Birnen für sie gestohlen. Gestern hat er mit einer Schleuder nach Tauben geschossen und dabei das Fenster eines staatlichen Gebäudes zertrümmert. Das könnte man ihm noch nachsehen. Aber er besucht regelmäßig politische Versammlungen, wählt bei allen Wahlen, unterhält sich darüber mit den Bürgern, liest Zeitungen und spricht von staatlichen Krediten. Das Register seiner Sünden gegen den Unterricht ließe sich noch beliebig erweitern.“

„Die Handwerker in W. haben einen Leseraum gegründet und versammeln sich jeden Abend dortselbst. Diese Leidenschaft hat tiefe Wurzeln geschlagen, besonders bei den Jüngeren, während sich die Älteren mit dem Gedanken tragen, außer dem Leseraum noch einen Pensionsfonds für Handwerker zu gründen. Dies kann in unserer Gegend nicht geduldet werden, da es alle Menschen, die nicht auf die Regierung schimpfen, verderben würde. Einige Handwerker haben sogar die Erhöhung ihrer Löhne verlangt.“

„Die Bauern in P. verlangen Gemeinde-Autonomie.“

„Die Bürger in T. verlangen das freie Wahlrecht.“

„Viele der hiesigen Beamten verrichten gewissenhaft ihre Arbeit, einer von ihnen spielt sogar Flöte und kann Noten lesen.“

„Der Schreiber Miron tanzt leidenschaftlich bei allen Veranstaltungen und ißt zum Bier Salzmandeln. Man müßte ihn aussiedeln, um ihn von diesen Lastern zu kurieren.“

„Die Lehrerin Hella kauft jeden Morgen Blumen und verdirbt dadurch die ganze Umgebung, besonders die ihr anvertraute Schuljugend.“

Wer könnte all die grausamen Leidenschaften jenes unglückseligen Volks aufzählen? Es genügt zu sagen, daß es in dem ganzen Land nur zehn anständige und ehrsame Menschen gab, und daß alles andere, Männlich und Weiblich, Jung und Alt, verdorben war, von Grund auf, wie man zu sagen pflegt.

Man kann sich vorsteilen, wie es jenen zehn braven Menschen inmitten dieses verdorbenen Volkes ums Herz war: schwer, sehr schwer. Vor allem deshalb, weil sie gezwungen waren, dem Verfall ihres Landes, das sie über alles liebten, zuzusehen. Sie schliefen Tag und Nacht nicht, sondern überlegten immerzu, wie sie ihre sündigen Mitmenschen bessern und ihr Land vor dem Untergang retten könnten. Voll heißer Vaterlandsliebe, voller Tugenden und Edelmut nahmen sie alle Opfer auf sich. Eines Tages, als alle anderen Mittel fehlgeschlagen waren, brachten sie das allerschwerste Opfer und wurden Minister. Sie waren gebildete Leute, trotzdem fiel es ihnen nicht leicht, das Land von Sünden und Leidenschaften zu säubern. Endlich kam der Dümmste von ihnen (in jenem Lande bedeutete das: der Klügste) auf die Idee, ein Parlament einzuberufen und es nur mit Ausländern zu beschicken. Die übrigen Kabinettsmitglieder griffen diesen Vorschlag begeistert auf und mieteten auf Staatskosten etwas über zweihundert Ausländer, die sich gerade geschäftehalber im Lande aufhielten. Wer von den Ausländern sich zur Wehr setzte, wurde mit Gewalt ins Parlament gebracht. So traten einige hundert Ausländer zusammen, um als Vollstrecker des Volkswillens über das Wohl des Landes zu beraten. Es wurden auch gleich Wahlen ausgeschrieben, die das eingesetzte Parlament bestätigen sollten, und so geschah es, denn dies war der Brauch in jenem Lande.

Es begannen die Parlamentssitzungen. Man redete und debattierte, es war nicht leicht, so schwierige Probleme zu lösen. Trotzdem ging alles flott vor sich, nur sobald die Rede auf die Leidenschaften kam, stieß man auf Schwierigkeiten. Bis eines Tages einer der Abgeordneten die geniale Idee hatte, ein Gesetz vorzuschlagen, nach dem alle Leidenschaften im Lande aufgehoben werden sollten.

„Es lebe der Redner! Er lebe hoch!“ donnerte der ganze Saal.

Es wurde folgender Beschluß gefaßt:

„In der Einsicht, daß die Leidenschaften für das Volk schädlich sind, fühlt sich die Volksvertretung bewogen, dem neuen Gesetzeswerk noch einen Zusatz anzufügen:

,Von heute an hören alle Leidenschaften auf; sie werden als schädigend für Volk und Land aufgehoben. ‘“

Es waren seit diesem denkwürdigen Beschluß kaum fünf Minuten verstrichen, und niemand außer den Volksvertretern wußte noch davon, als eine merkwürdige Verwandlung mil dem ganzen Volk vorging. Ich glaube, es wird genügen, wenn ich hier einige Stellen aus einem Tagebuch jener Zeit übersetze:

„Ich habe immer leidenschaftlich geraucht. Sobald ich aufwache, muß ich nach einer Zigarette greifen. Eines Tages wache ich auf und taste wie gewöhnlich nach der Zigarettenschachtel. Irgendwie fühle ich mich nicht ganz wohl (in diesem Augenblick hat jener Abgeordnete den Gesetzesvorschlag eingebracht, Anm. d. Autors), und plötzlich spüre ich meine Hund zittern, und die Zigaretten fallen zu Boden; ich sehe sie mit Widerwillen an und spucke aus… ich werde nicht mehr rauchen, denke ich und wende meinen Blick von diesem abscheulichen Gift. Während ich mich noch über meine Verwandlung wundere, gehe ich in den Hof hinaus, und was seh’ ich dort? Mein Nachbar, ein eingefleischter Säufer, der es nicht eine Stunde ohne Wein aushalten konnte, steht kerzengerade und nüchtern da und kratzt sich am Hinterkopf.

,Da ist der Wein‘, sagt der Diener und reicht ihm wie gewöhnlich die Flasche.

Mein Nachbar greift nach der Flasche und schleudert sie auf den Boden, daß sie in tausend Stücke zerspringt.

,Ein gräßliches Gesöff!‘ ruft er voll Abscheu. Dann bittet er um Süßigkeiten und Wasser. Seine Frau beginnt über die wunderbare Errettung ihres Mannes Freudentränen zu weinen. Ein anderer Nachbar, der immer ein leidenschaftlicher Zeitungsleser gewesen ist, sitzt merkwürdig verwandelt an seinem Fenster.

,Haben Sie Ihre Zeitung noch nicht bekommen?‘ frage ich.

,Ich kann so etwas Langweiliges und Abgeschmacktes nicht mehr sehen‘, gibt er zur Antwort. ,Ich überlege gerade, ob ich mich dem Studium der griechischen Grammatik oder der Archäologie zuwenden soll.‘

Ich gehe auf die Straße, und die ganze Stadt scheint verwandelt zu sein. Ein verbissener Politiker, der gerade zu einer Versammlung gehen wollte, kehrt plötzlich um und läuft eilig nach Hause. Auf meine Frage erklärt er, er halte es für weitaus wichtiger, zu Hause einige Bücher über Landwirtschaft und Industrie herzunehmen, um seine Kenntnisse zu vervollkommnen.

Ganz verdutzt kehre ich nach Hause zurück, um einen Leitfaden der Psychologie zu Rate zu ziehen. Ich will das Kapitel ,Leidenschaften‘ nachschlagen — aber ich finde nur noch die Überschrift: die folgenden Blätter sind leer und weiß, als wäre nie etwas darauf gedruckt gewesen. Was ist da geschehen? In der ganzen Stadt ist kein leidenschaftlicher Mensch mehr zu finden! Sogar das Vieh ist gescheiter geworden. Erst am nächsten Tag lesen wir in der Zeitung, daß die Volksvertretung einen Beschluß zur Aufhebung der Leidenschaften gefaßt hat. Da endlich wird uns klar, was mit uns geschehen ist.“

Dieser Auszug aus dem Tagebuch eines Zeitgenossen wird hinreichen, die Stimmung, die nach dem Beschluß der Volksvertretung im Volke entstanden ist, klarzumachen. Bald wurde die Leidenschaftslosigkeit zu einem selbstverständlichen Zustand und die allgemeine Verwunderung hörte auf. Die Professoren belehrten ihre Schüler über das Kapitel „Leidenschaften“ ungefähr folgendermaßen:

„Einst gab es in der menschlichen Seele auch Leidenschaften, im übrigen eines der schwierigsten und kompliziertesten Kapitel der Psychologie. Aber mit dem Beschluß der Volksvertretung wurden die Leidenschaften aufgehoben, so daß sich dieses Kapitel weder in der menschlichen Seele noch in der Psychologie mehr findet. Am soundsovielten soundsovielten im Jahre soundsoviel wurden die Leidenschaften aufgehoben.“

„Gott sei Dank!“ flüsterten die Schüler. „Wir brauchen es nicht mehr zu lernen.“ Wenn die Prüfungsfrage „Leidenschaften?“ gestellt wurde, so genügte folgende Antwort:

„Am soundsovielten soundsovielten im Jahre soundsoviel wurden durch Beschluß der Volksvertretung die Leidenschaften abgeschafft.“

Wenn die Schüler diesen Satz fehlerlos aufsagten, bekamen sie die Note ,Vorzüglich‘.

So wurde dieses Land vor den Leidenschaften gerettet. Es gedieh von Jahr zu Jahr prächtiger, und einer alten Sage zufolge sollen seine Einwohner nach einer gewissen Zeit zu Engeln geworden sein.

 

Quelle: Dor, Milo (red.), Genosse Sokrates. Serbische Satiren, E. Hunna Verlag, Wien 1963. (Übersetzt von M. Dor und R. Federmann)

Gedanken eines einfachen serbischen Ochsen

Es gibt so viele Wunder auf der Welt. Aber unser Land ist, wie viele sagen, an Wundern in solchem Maße reich, daß die Wunder schon gar keine Wunder mehr sind. So gibt es bei uns Menschen in höchsten Stellungen, die denken nich daran zu denken. Zum Ausgleich dafür, oder vielleicht auch anderen Gründen, wagte sich ein ganz gewöhnlicher Bauernochse, der sich in nichts von der übrigen serbischen Ochsen unterschied, an diese ungewohnte Arbeit: Er dachte! Der liebe Gott mag wissen, warum sich dieser geniale Ochse zu einme so kühnen Unternehmen, nämlich zum Denken, entschloß, denn es hat sich bisher gezeigt, daß man von diesem unglückseligen Handwerk in Serbien nur Schaden ernten kann. Vielleicht wußte der arme Kerl nicht, daß sich in seiner Heimat dieses Handwerk nicht rentiert. So wollen wir es nicht seiner besonderen Zivilcourage zuschreiben, wenn es auch rätselhaft bleibt, warum gerade ein Ochse denkt: Ist er doch weder Wähler noch Gemeinderat, noch Bürgermeister, und es hat ihn auch niemand als Abgeordneten in ein Ochsenparlament gewählt, oder gar, wenn er alt genug ist, als Senator. Sollte der Sünder allerdings davon geträumt haben, in einem Ochsenland Minister zu werden, so müßte er sich im Gegenteil darin über, so wenig als möglich zu denken, wie dies die besten Minister einiger glücklicher Länder tun. Nun, auch hierein hat unser Land kein Glück!

Aber schließlich, was soll es uns kümmern, daß ein Ochse in Serbien sich dieses von den Menschen vernachlässigten Handwerks angenommen hat! Es kann ja auch sein, daß er eben aus einem natürlichen Instinkt zu denken began.

Was für ein Ochse ist das nur?!

Ein ganz gewöhnlicher Ochse. Wie die Zoologen sagen würden, hat er einen Kopf, Rumpf, Glieder und alles übrige genau so wie die anderen Ochsen. Er zieht den Wagen, frißt Gras, leckt Salz, käut wieder und brüllt.

Er heißt Sivonja, der graue Ochse.

So also begann er zu denken…

Eines Tages spannte sein Herr ihn und seinen Freund Galonja von den Wagen, lud auf den Wagen mehrere gestohlene Holzpfähle und fuhr sie in die Stadt, um sie zu verkaufen.

Sein Herr verkaufte die Pfähle, kaum daß er die ersten Häuser der Stadt erreicht hatte, nahm das Geld, schirrte Sivonja und seinen Freund aus, machte die Kette fest, mit der die beiden Ochsen am Joch angeschirrt waren, warf ihnen eine aufgebundene Garbe Maisstroh vor und kehrte gut gelaunt in einer kleinen Kneipe ein, um sich – recht wie ein Mann – mit einigen Schnäpsen zu stärken. In der Stadt war ein Fest. Männer, Frauen und Kinder strömten vorbei.

Galonja, der auch sonst unter den Ochsen als ziemlich dumm bekannt war, achtete auf nichts, sondern machte sich allen Ernstes an das Mittagsmahl, aß sich dick und satt, brüllte vor Zufriedenheit, legte sich nieder und begann in süßem Schlummer wiederzukäuen. Dier verschiedenen Menschen, die an ihm vorüberströmten, verwunderten ihn nicht. Er schlummerte und käute wieder.

(Schade, daß er kein Mensch ist, denn er besitzt all Anlagen zu einer großen Karriere.)

Sivonja indessen rührte keinen Bissen an. Sein bäurischer Blick und sein trauriger Gesichtsausdruck sagten auf den ersten Blick, daß er ein Denker war und eine empfindsame Seele dazu.

Menschen zogen an ihm vorüber, Serben, stolz auf ihre große Vergangenheit, auf ihre Namen, auf ihr Volk. Diesen Stoltz trugen sie mit ihrer steifen Haltung und in ihrem Gang zur Schau. Sivonja schaute sich das an und plötzlich überkam ihr Schmerz über die große Ungerechtigkeit der Welt. Er konnte diese heftige Rührung nicht unterdrücken. Er brüllte traurig und in seinen Augen schwammen Tränen.

Vor Schmerz begann Sivonja zu denken: „Worauf ist mein Herr und alle seine serbischen Mitbürger eigentlich so stolz? Warum tragen sie ihren Kopf so hoch und blicken mit geschwollenem Hochmut und mit Verachtung auf mein Geschlecht herab?…

Sie sind stolz auf ihr Vaterland, sie sind stolz darauf, daß ihnen das gütige Schicksal zuteil wurde, hier in Serbien geboren zu sein.

Nun, auch mich hat meine Mutter hier in Serbien gekalbt, und dies ist nicht nur meine Heimat und die meines Vaters, sondern auch meine Vorfahren und wieder deren Vorfahren sind alle zusammen aus ihrer alten slawischen Urheimat in diese Gegend gekommen. Und keiner von uns Ochsen brüstet sich deshalb, sondern wir waren immer nur stolz darauf, wer die schwerste Last bergauf ziehen konnte. Und kein Ochse hat jemals zu einem deutschen Ochsen gesagt:

,Was wilst du denn, ich bin ein serbischer Ochse, meine Heimat ist das ruhmreiche Land Serbien. Alle meine Ahnen wurden heir gekalbt. Und hier, in diesem Lande sind auch die Gräber meiner Vorfahren!‘

Gott bewahre, damit haben wir uns niemals gebrüstet, das wäre uns im Traum nicht eingefallen.

Und darauf sind sie nun stolz, diese seltsamen Menschen!“

Under solchen Gedanken schüttelte der Ochse traurig den Kopf, die Kuhglocke an seinem Hals schellte und das Joch knarrte.

Galonja öffnete die Augen, schaute seiene Kameraden an und brüllte:

„Da machst du nun wieder deine Dummheiten! Iß doch lieber, du Dummkopf und mäste dich. Siehst du nicht, daß man deine Rippen zählen kann? Wenn das Denken so gut wäre, dann hätten es die Menschen bestimmt nicht uns Ochsen überlassen. Ein solches Glück wäre uns nicht zuteil geworden!“

Sivonja sah seinen Freund mitleidig an, wandte seinen Kopf ab und vertiefte sich wiederum in seine Gedanken.

„Sie sind stolz auf ihre leuchtende Vergangenheit. Sie haben das Amselfeld und die Schlacht auf dem Amselfeld. Was ist das schon! Nun, zogen denn nicht auch schon damals meine Vorfahren Proviant und Kriegsausrüstung für das Heer? Wären wir damals nicht gewesen, hätten es die Menschen selber tun müssen!

Außerdem haben sie den Aufstand gegen die Türken.

Das ist eine große und edle Sache, aber wer war denn das? Haben etwa jene aufgeblasenen Hohlköpfe den Aufstand gemacht, die sich faul vor mir räkeln, als ob es allein ihr Verdienst gewesen wäre?

Nehmen wir als Beispiel meinen Herrn. Auch er ist aufgeblasen, prahlt mit dem Aufstand und vor allem damit, daß sein Urgroßvater als großer Held im Befreiungskrieg gefallen ist. Nun, ist das sein Verdienst? Sein Urgroßvater hatte ein Recht, darauf stolz zu sein, aber er? Sein Urgroßvater ist gefallen, damit mein Herr frei sein kann. Er ist auch frei, aber was tut er mit seiner Freiheit? Er stiehlt fremdes Holz, setzt sich auf den Wagen und ich muß ihn und das Holz ziehen, während er auf dem Wagen schläft.

Jetzt hat er das Holz verkauft, säuft Schnaps, tut gar nichts und rühmt sich ,seiner‘ leuchtenden Vergangenheit.

Aber wie viele meiner Vorfahren sind während des Aufstandes geschlachtet worden, damit die Kämpfer essen konnten. Und haben sie nicht damals Kriegsausrüstung, Kanonen, Verpflegung und Munition ziehen müssen? Aber uns fällt es nicht ein, uns mit ihren Verdiensten zu brüsten, weil wir uns nicht geändert haben: Wir erfüllen noch heute unsere Pflicht, wie sie auch unsere Vorfahren treu und geduldig erfüllt haben.

Dann sind sie stolz auf die Leiden ihrer Ahnen und auf ihre 500jährige Sklaverei.

Mein Geschlecht hingegen leidet, seitdem es besteht. Wir leiden noch heute und sind Sklaven, wir haben es jedoch nie and die große Glocke gehängt.

Sie sagen, due Türken haben sie gequält, geschlachtet und gepfählt; aber auch meine Vorfahren sind von Serben und Türken geschlachtet und gebraten worden und haben alle möglichen Martern erlitten.

Und dann sind sie stolz auf ihren Glauben – dabei glauben sie an gar nichts!

Bin denn ich oder mein Geschlecht daran schuld, daß sie uns nicht ins Christentum aufnehmen?

Ihr Glaube befiehlt ihnen: ,Du sollst nicht stehlen!‘

Nun, bitte, mein Herr stiehlt und säuft mit dem Geld, das er für seinen Diebstahl bekommen hat.

Der Glaube erlegt ihnen auf, ihrem Nächsten Gutes zu tun, aber sie fügen einander nur Böses zu.

Bei ihnen ist man der beste Mensch und gilt als Muster an Tugend, wenn man schlechte Taten unterläßt, aber es fällt natürlich niemandem ein, von einem zu fordern, nicht nur das Böse zu unterlassen, sondern darüber hinaus auch Gutes zu tun.

Sieh, wie tief sie gesunken sind, daß ihre Muster an Tugend jenen unnützen Menschen gleichen, die es bloß unterlassen, anderen Böses zu tun.“

Der Ochse seufzte tief und sein Seufzer wirbelte den Staub von der Straße auf.

„Ist denn dann,“ fuhr er in seinen traurigen Gedanken fort, „mein Geschlect nicht besser als sie alle? Ich habe noch niemanden getötet, keinem Schlechtes nachgesagt, keinem etwas gestohlen; niemand schuldlos aus dem Staatsdienst entlassen, in der Staatskasse kein Defizit gemacht und keinen betrügerischen Bankrott; niemals unschuldige Menschen gefesselt und verhaftet; meine Kameraden nicht verleumdet; meine öchsischen Grundsätze nicht preisgegeben; kein falsch Zeugnis abgelegt; ich war niemals Minister und habe dem Land keinen Schaden zugefügt, aber abgesehen davon, daß ich nichts Schlechtes getan habe, tue ich auch noch jenen Gutes, die mir Böses tun.

Als meine Mutter mich kalbte, haben mir die schlechten Menschen gleich die Muttermilch entzogen. Der liebe Gott hat das Gras vermutlich für uns Ochsen zuerst geschaffen und nicht für die Menschen und trotzdem nehmen sie uns auch noch das Gras vor dem Maule weg. Trotz der vielen Schläge ziehen wir den Menschen die Wagen, pflügen für sie und schaffen ihnen dadurch ihr Brot. Ja, und trotz alledem erkennt niemand unsere Verdienste fürs Vaterland an…

Ist das nicht großartig: Der Glaube sagt den Menschen, alle Fasten einzuhalten, aber sie können noch nicht mal das bißchen Fasten bestehen, während ich und mein ganzes Geschlecht das ganze Leben über fasten, seit sie uns vom Muttereuter vertrieben haben.“

Der Ochse senkte den Kopf, als ob er sich über etwas Kummer machte, hob ihn wieder hoch, schnaufte zornig, und es schien, als ob ihm etwas Wichtiges einfiele und ihn quäle. Auf einmal brüllte er voll Lust: „Jetzt hab ich’s, das muß es sein!“ und setzte seine Gedanken fort:

„Also das ist es: Sie brüsten sich mit der Freiheit und den Bürgerrechten. Darüber muß ich ernsthaft nachdenken.“ Er dachte und dachte, aber es wollte nicht recht stimmen. „Worin bestehen eigentlich ihre Rechte? Wenn ihnen die Polizei befiehlt, ihre Stimme abzugeben, dann tun sie das. Nun, das könnten wir ja schließlich auch: Jaaa! muhen. Und wenn es ihnen die Polizei untersagt, dann dürfen sie weder stimmen noch sich in die Politik einmischen, genau wie wir. Wir brüllen wenigstens noch und wedeln mit dem Schwanz, aber sie haben nicht einmal die Courage dazu.“

Unterdessen kam sein Herr aus der Kneipe heraus, betrunken, mit wankenden Beinen und trüben Augen, stammelte unverständliche Worte und steuerte im Zick-zack auf den Wagen zu.

„Da sehen Sie, wie dieser stolze Nachkomme seine Freiheit gebraucht, die seine Vorfahren für ihn mit ihrem Blute erkämpft haben. Nun, mein Herr ist betrunken und stiehlt, aber wie haben die anderen stolzen Nachkommen ihre Freiheit genutzt?

Vornehmlich damit, daß sie nichts arbeiten und sich der Vergangenheit und der Verdienste ihrer Ahnen rühmen. Woran sie überhaupt keinen Anteil haben, nicht einmal so viel wie ich.

Und wir Ochsen sind genau so fleißige und nützliche Arbeiter wie es unsere Ahnen waren. Wir sind Ochsen, das stimmt, aber wir können auf unsere mühsame Arbeit und unsere Verdienste stolz sein.“

Der Ochse seufzte tief und neigte seinen Nacken in das Joch.

 

Quelle: Vukić, Miodrag (red.), Jugoslawische Erzähler der Gegenwart – eine Anthologie, Reclam, Stuttgart 1962. (Übersetzt von Miodrag Vukić)