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Gedanken eines einfachen serbischen Ochsen

Es gibt so viele Wunder auf der Welt. Aber unser Land ist, wie viele sagen, an Wundern in solchem Maße reich, daß die Wunder schon gar keine Wunder mehr sind. So gibt es bei uns Menschen in höchsten Stellungen, die denken nich daran zu denken. Zum Ausgleich dafür, oder vielleicht auch anderen Gründen, wagte sich ein ganz gewöhnlicher Bauernochse, der sich in nichts von der übrigen serbischen Ochsen unterschied, an diese ungewohnte Arbeit: Er dachte! Der liebe Gott mag wissen, warum sich dieser geniale Ochse zu einme so kühnen Unternehmen, nämlich zum Denken, entschloß, denn es hat sich bisher gezeigt, daß man von diesem unglückseligen Handwerk in Serbien nur Schaden ernten kann. Vielleicht wußte der arme Kerl nicht, daß sich in seiner Heimat dieses Handwerk nicht rentiert. So wollen wir es nicht seiner besonderen Zivilcourage zuschreiben, wenn es auch rätselhaft bleibt, warum gerade ein Ochse denkt: Ist er doch weder Wähler noch Gemeinderat, noch Bürgermeister, und es hat ihn auch niemand als Abgeordneten in ein Ochsenparlament gewählt, oder gar, wenn er alt genug ist, als Senator. Sollte der Sünder allerdings davon geträumt haben, in einem Ochsenland Minister zu werden, so müßte er sich im Gegenteil darin über, so wenig als möglich zu denken, wie dies die besten Minister einiger glücklicher Länder tun. Nun, auch hierein hat unser Land kein Glück!

Aber schließlich, was soll es uns kümmern, daß ein Ochse in Serbien sich dieses von den Menschen vernachlässigten Handwerks angenommen hat! Es kann ja auch sein, daß er eben aus einem natürlichen Instinkt zu denken began.

Was für ein Ochse ist das nur?!

Ein ganz gewöhnlicher Ochse. Wie die Zoologen sagen würden, hat er einen Kopf, Rumpf, Glieder und alles übrige genau so wie die anderen Ochsen. Er zieht den Wagen, frißt Gras, leckt Salz, käut wieder und brüllt.

Er heißt Sivonja, der graue Ochse.

So also begann er zu denken…

Eines Tages spannte sein Herr ihn und seinen Freund Galonja von den Wagen, lud auf den Wagen mehrere gestohlene Holzpfähle und fuhr sie in die Stadt, um sie zu verkaufen.

Sein Herr verkaufte die Pfähle, kaum daß er die ersten Häuser der Stadt erreicht hatte, nahm das Geld, schirrte Sivonja und seinen Freund aus, machte die Kette fest, mit der die beiden Ochsen am Joch angeschirrt waren, warf ihnen eine aufgebundene Garbe Maisstroh vor und kehrte gut gelaunt in einer kleinen Kneipe ein, um sich – recht wie ein Mann – mit einigen Schnäpsen zu stärken. In der Stadt war ein Fest. Männer, Frauen und Kinder strömten vorbei.

Galonja, der auch sonst unter den Ochsen als ziemlich dumm bekannt war, achtete auf nichts, sondern machte sich allen Ernstes an das Mittagsmahl, aß sich dick und satt, brüllte vor Zufriedenheit, legte sich nieder und begann in süßem Schlummer wiederzukäuen. Dier verschiedenen Menschen, die an ihm vorüberströmten, verwunderten ihn nicht. Er schlummerte und käute wieder.

(Schade, daß er kein Mensch ist, denn er besitzt all Anlagen zu einer großen Karriere.)

Sivonja indessen rührte keinen Bissen an. Sein bäurischer Blick und sein trauriger Gesichtsausdruck sagten auf den ersten Blick, daß er ein Denker war und eine empfindsame Seele dazu.

Menschen zogen an ihm vorüber, Serben, stolz auf ihre große Vergangenheit, auf ihre Namen, auf ihr Volk. Diesen Stoltz trugen sie mit ihrer steifen Haltung und in ihrem Gang zur Schau. Sivonja schaute sich das an und plötzlich überkam ihr Schmerz über die große Ungerechtigkeit der Welt. Er konnte diese heftige Rührung nicht unterdrücken. Er brüllte traurig und in seinen Augen schwammen Tränen.

Vor Schmerz begann Sivonja zu denken: „Worauf ist mein Herr und alle seine serbischen Mitbürger eigentlich so stolz? Warum tragen sie ihren Kopf so hoch und blicken mit geschwollenem Hochmut und mit Verachtung auf mein Geschlecht herab?…

Sie sind stolz auf ihr Vaterland, sie sind stolz darauf, daß ihnen das gütige Schicksal zuteil wurde, hier in Serbien geboren zu sein.

Nun, auch mich hat meine Mutter hier in Serbien gekalbt, und dies ist nicht nur meine Heimat und die meines Vaters, sondern auch meine Vorfahren und wieder deren Vorfahren sind alle zusammen aus ihrer alten slawischen Urheimat in diese Gegend gekommen. Und keiner von uns Ochsen brüstet sich deshalb, sondern wir waren immer nur stolz darauf, wer die schwerste Last bergauf ziehen konnte. Und kein Ochse hat jemals zu einem deutschen Ochsen gesagt:

,Was wilst du denn, ich bin ein serbischer Ochse, meine Heimat ist das ruhmreiche Land Serbien. Alle meine Ahnen wurden heir gekalbt. Und hier, in diesem Lande sind auch die Gräber meiner Vorfahren!‘

Gott bewahre, damit haben wir uns niemals gebrüstet, das wäre uns im Traum nicht eingefallen.

Und darauf sind sie nun stolz, diese seltsamen Menschen!“

Under solchen Gedanken schüttelte der Ochse traurig den Kopf, die Kuhglocke an seinem Hals schellte und das Joch knarrte.

Galonja öffnete die Augen, schaute seiene Kameraden an und brüllte:

„Da machst du nun wieder deine Dummheiten! Iß doch lieber, du Dummkopf und mäste dich. Siehst du nicht, daß man deine Rippen zählen kann? Wenn das Denken so gut wäre, dann hätten es die Menschen bestimmt nicht uns Ochsen überlassen. Ein solches Glück wäre uns nicht zuteil geworden!“

Sivonja sah seinen Freund mitleidig an, wandte seinen Kopf ab und vertiefte sich wiederum in seine Gedanken.

„Sie sind stolz auf ihre leuchtende Vergangenheit. Sie haben das Amselfeld und die Schlacht auf dem Amselfeld. Was ist das schon! Nun, zogen denn nicht auch schon damals meine Vorfahren Proviant und Kriegsausrüstung für das Heer? Wären wir damals nicht gewesen, hätten es die Menschen selber tun müssen!

Außerdem haben sie den Aufstand gegen die Türken.

Das ist eine große und edle Sache, aber wer war denn das? Haben etwa jene aufgeblasenen Hohlköpfe den Aufstand gemacht, die sich faul vor mir räkeln, als ob es allein ihr Verdienst gewesen wäre?

Nehmen wir als Beispiel meinen Herrn. Auch er ist aufgeblasen, prahlt mit dem Aufstand und vor allem damit, daß sein Urgroßvater als großer Held im Befreiungskrieg gefallen ist. Nun, ist das sein Verdienst? Sein Urgroßvater hatte ein Recht, darauf stolz zu sein, aber er? Sein Urgroßvater ist gefallen, damit mein Herr frei sein kann. Er ist auch frei, aber was tut er mit seiner Freiheit? Er stiehlt fremdes Holz, setzt sich auf den Wagen und ich muß ihn und das Holz ziehen, während er auf dem Wagen schläft.

Jetzt hat er das Holz verkauft, säuft Schnaps, tut gar nichts und rühmt sich ,seiner‘ leuchtenden Vergangenheit.

Aber wie viele meiner Vorfahren sind während des Aufstandes geschlachtet worden, damit die Kämpfer essen konnten. Und haben sie nicht damals Kriegsausrüstung, Kanonen, Verpflegung und Munition ziehen müssen? Aber uns fällt es nicht ein, uns mit ihren Verdiensten zu brüsten, weil wir uns nicht geändert haben: Wir erfüllen noch heute unsere Pflicht, wie sie auch unsere Vorfahren treu und geduldig erfüllt haben.

Dann sind sie stolz auf die Leiden ihrer Ahnen und auf ihre 500jährige Sklaverei.

Mein Geschlecht hingegen leidet, seitdem es besteht. Wir leiden noch heute und sind Sklaven, wir haben es jedoch nie and die große Glocke gehängt.

Sie sagen, due Türken haben sie gequält, geschlachtet und gepfählt; aber auch meine Vorfahren sind von Serben und Türken geschlachtet und gebraten worden und haben alle möglichen Martern erlitten.

Und dann sind sie stolz auf ihren Glauben – dabei glauben sie an gar nichts!

Bin denn ich oder mein Geschlecht daran schuld, daß sie uns nicht ins Christentum aufnehmen?

Ihr Glaube befiehlt ihnen: ,Du sollst nicht stehlen!‘

Nun, bitte, mein Herr stiehlt und säuft mit dem Geld, das er für seinen Diebstahl bekommen hat.

Der Glaube erlegt ihnen auf, ihrem Nächsten Gutes zu tun, aber sie fügen einander nur Böses zu.

Bei ihnen ist man der beste Mensch und gilt als Muster an Tugend, wenn man schlechte Taten unterläßt, aber es fällt natürlich niemandem ein, von einem zu fordern, nicht nur das Böse zu unterlassen, sondern darüber hinaus auch Gutes zu tun.

Sieh, wie tief sie gesunken sind, daß ihre Muster an Tugend jenen unnützen Menschen gleichen, die es bloß unterlassen, anderen Böses zu tun.“

Der Ochse seufzte tief und sein Seufzer wirbelte den Staub von der Straße auf.

„Ist denn dann,“ fuhr er in seinen traurigen Gedanken fort, „mein Geschlect nicht besser als sie alle? Ich habe noch niemanden getötet, keinem Schlechtes nachgesagt, keinem etwas gestohlen; niemand schuldlos aus dem Staatsdienst entlassen, in der Staatskasse kein Defizit gemacht und keinen betrügerischen Bankrott; niemals unschuldige Menschen gefesselt und verhaftet; meine Kameraden nicht verleumdet; meine öchsischen Grundsätze nicht preisgegeben; kein falsch Zeugnis abgelegt; ich war niemals Minister und habe dem Land keinen Schaden zugefügt, aber abgesehen davon, daß ich nichts Schlechtes getan habe, tue ich auch noch jenen Gutes, die mir Böses tun.

Als meine Mutter mich kalbte, haben mir die schlechten Menschen gleich die Muttermilch entzogen. Der liebe Gott hat das Gras vermutlich für uns Ochsen zuerst geschaffen und nicht für die Menschen und trotzdem nehmen sie uns auch noch das Gras vor dem Maule weg. Trotz der vielen Schläge ziehen wir den Menschen die Wagen, pflügen für sie und schaffen ihnen dadurch ihr Brot. Ja, und trotz alledem erkennt niemand unsere Verdienste fürs Vaterland an…

Ist das nicht großartig: Der Glaube sagt den Menschen, alle Fasten einzuhalten, aber sie können noch nicht mal das bißchen Fasten bestehen, während ich und mein ganzes Geschlecht das ganze Leben über fasten, seit sie uns vom Muttereuter vertrieben haben.“

Der Ochse senkte den Kopf, als ob er sich über etwas Kummer machte, hob ihn wieder hoch, schnaufte zornig, und es schien, als ob ihm etwas Wichtiges einfiele und ihn quäle. Auf einmal brüllte er voll Lust: „Jetzt hab ich’s, das muß es sein!“ und setzte seine Gedanken fort:

„Also das ist es: Sie brüsten sich mit der Freiheit und den Bürgerrechten. Darüber muß ich ernsthaft nachdenken.“ Er dachte und dachte, aber es wollte nicht recht stimmen. „Worin bestehen eigentlich ihre Rechte? Wenn ihnen die Polizei befiehlt, ihre Stimme abzugeben, dann tun sie das. Nun, das könnten wir ja schließlich auch: Jaaa! muhen. Und wenn es ihnen die Polizei untersagt, dann dürfen sie weder stimmen noch sich in die Politik einmischen, genau wie wir. Wir brüllen wenigstens noch und wedeln mit dem Schwanz, aber sie haben nicht einmal die Courage dazu.“

Unterdessen kam sein Herr aus der Kneipe heraus, betrunken, mit wankenden Beinen und trüben Augen, stammelte unverständliche Worte und steuerte im Zick-zack auf den Wagen zu.

„Da sehen Sie, wie dieser stolze Nachkomme seine Freiheit gebraucht, die seine Vorfahren für ihn mit ihrem Blute erkämpft haben. Nun, mein Herr ist betrunken und stiehlt, aber wie haben die anderen stolzen Nachkommen ihre Freiheit genutzt?

Vornehmlich damit, daß sie nichts arbeiten und sich der Vergangenheit und der Verdienste ihrer Ahnen rühmen. Woran sie überhaupt keinen Anteil haben, nicht einmal so viel wie ich.

Und wir Ochsen sind genau so fleißige und nützliche Arbeiter wie es unsere Ahnen waren. Wir sind Ochsen, das stimmt, aber wir können auf unsere mühsame Arbeit und unsere Verdienste stolz sein.“

Der Ochse seufzte tief und neigte seinen Nacken in das Joch.

 

Quelle: Vukić, Miodrag (red.), Jugoslawische Erzähler der Gegenwart – eine Anthologie, Reclam, Stuttgart 1962. (Übersetzt von Miodrag Vukić)

Das Brandmal

Ich hatte einen furchtbaren Traum. Ich wunderte mich nicht so sehr über den Traum selbst als über meinen Mut, so fürchterliche Dinge zu träumen, da ich doch ein stiller und redlicher Bürger Serbiens bin. Wäre ich wenigstens eine Ausnahme unter meinen Mitbürgern! Ich bin es gar nicht; ich gleiche allen anderen aufs Haar, ja, ich kann sogar behaupten, daß ich noch vorsichtiger bin als sie. Einmal sah ich auf der Straße den abgerissenen Knopf einer Polizeiuniform liegen; ich starrte fasziniert auf seinen zauberhaften Glanz und wollte, braver Gedanken voll, gerade an ihm Vorbeigehen, als es in mir jäh einen Ruck gab. Ich verneigte mich ehrfürchtig und setzte schnell das süße, untertänige Lächeln auf, mit dem man die Obrigkeit zu grüßen pflegt.

Alle Achtung! dachte ich. In meinen Adern fließt wirklich edles Blut. Mit einem verachtungsvollen Blick strafte ich einen Lümmel, der gerade des Weges kam und mit seinem schmutzigen Stiefel auf den Knopf trat.

„Dreckfink!“ rief ich zornig und spuckte vor ihm aus. Dann ging ich beruhigt weiter und tröstete mich mit dem Gedanken, daß es nur wenige solcher Lümmel in unserem Lande gibt. Ich war von der Gewißheit erfüllt, daß mir der liebe Gott ein empfindsames Herz und edles Heldenblut beschert hat, dasselbe, das auch in den Adern meiner Vorfahren geflossen ist.

Sie sehen, ich bin wirklich ein netter Mensch, der sich in nichts von anderen Bürgern unterscheidet. Auch Sie werden sich wundern, wieso gerade mir so dumme und grausame Dinge im Traum widerfahren.

An diesem Tag ereignete sich nichts Besonderes. Ich aß ausgiebig zu Abend, stocherte eine Zeitlang in den Zähnen und trank dazu langsam meinen Wein. Nachdem ich auf diese Weise von meinen bürgerlichen Rechten mutig Gebrauch gemacht hatte, legte ich mich ins Bett und nahm ein Buch zur Hand, um schneller einschlafen zu können. Wirklich fiel mir das Buch bald aus der Hand, und ich schlief ein wie ein Lamm, ruhigen Gewissens, weil ich an diesem Tag all meine Pflichten aufs genaueste erfüllt hatte.

Plötzlich befand ich mich auf einem schmutzigen und steilen Pfad, mitten in klarer, dunkler Nacht. Der Wind pfiff durch kahle Äste und stach mich in die bloße Haut. Von dem stummen, grausamen Himmel wehte mir ein feines Schneegeriesel ins Gesicht und in die Augen. Nirgends eine Seele! Ich beeilte mich und rutschte wiederholt aus auf diesem schlammigen Weg. Ich stürzte, richtete mich wieder auf und irrte, wer weiß wohin; die Nacht war keine gewöhnliche Nacht, sondern eine unendliche Nacht, wie ein ganzes Jahrhundert.

So ging ich viele Jahre, der Weg führte mich weit weg von meiner Heimat, in ein unbekanntes, seltsames Land, von dem kein Mensch weiß und das man nur im Traum betritt.

Auf dem Irrweg durch dieses Land kam ich in eine große, dichtbevölkerte Stadt. Auf dem geräumigen Marktplatz dieser Stadt hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt und machte so entsetzlichen Lärm, daß einem die Ohren gellten. Ich kehrte in einem Gasthaus ein und fragte den Wirt, warum diese Menge sich angesammelt habe.

„Wir sind ruhige, anständige Leute“, begann er. „Wir dienen treu und gehorsam unserem Gemeindediener.“

„Ist bei euch der Gemeindediener der Höchste?“ unterbrach ich ihn.

„Ja, bei uns regiert der Gemeindediener; nach ihm kommen die Gendarmen.“

Ich begann zu lachen.

„Warum lachst du? Hast du das nicht gewußt? Woher kommst du?“

Ich erzählte ihm, daß ich mich verirrt hatte und daß ich aus dem fernen Land Serbien kam.

„Ich habe schon von diesem berühmten Land gehört“, flüsterte er und sah mich voller Respekt an. Dann fügte er laut hinzu: „So ist es also bei uns. Der Gemeindediener regiert mit seinen Gendarmen.“

„Was für Gendarmen sind denn das?“

„Gendarmen? Deren gibt es verschiedene, sie unterscheiden sich voneinander je nach dem Rang. Es gibt Vorgesetzte und Untergebene… Wir sind, wie gesagt, ruhige und anständige Leute, aber aus der Umgebung kommt allerhand Gelichter in die Stadt, um uns zu verderben und Böses zu lehren. Damit unsere Bürger sich von allen anderen schon äußerlich unterscheiden, hat unser Gemeindediener für morgen alle Einwohner der Stadt ins Rathaus befohlen, wo jedem ein Brandmal auf die Stirn gedrückt werden wird… Die Menge hat sich nun versammelt, um zu beraten, was geschehen soll.“

Ich erschauerte und nahm mir vor, aus diesem furchtbaren Land zu fliehen, weil ich — obgleich ein edler Serbe — an solches Heldentum nicht gewöhnt war und mich dessen schämte.

Der Wirt lächelte wohlwollend und klopfte mir auf die Schulter.

„Na, Fremder? Du bist doch nicht etwa erschrocken?“ fragte er hochmütig. „Na ja, soviel Mut wie bei uns haben die Leute nirgends.“

„Was gedenkt ihr zu tun?“ fragte ich kleinlaut.

„Du wirst schon sehen, was für Helden wir sind. Ich bin weit herumgekommen, aber soviel Courage habe ich nirgends gefunden. Komm mit; ich muß mich jetzt beeilen.“

Wir wollten gerade weggehen, als vor der Tür ein Peitschenknall erscholl. Ich spähte hinaus und sah, wie ein Mann in einem bunten Anzug und mit reichgeschmücktem Dreispitz auf einem anderen Mann ritt, der einen gutgeschnittenen bürgerlichen Anzug trug; sie hielten vor dem Gasthaus, der Mann mit dem Dreispitz trat ein und setzte sich an einen besonders schön gedeckten Tisch. Der Wirt verneigte sich bis zur Erde, zuerst vor ihm, dann auch — etwas weniger tief — vor dem Mann im bürgerlichen Anzug, der draußen wartete.

„Was bedeutet das?“ fragte ich verwirrt.

„Der Herr mit dem Dreispitz ist ein höherer Gendarm“, flüsterte der Wirt, „und der Mann, der draußen steht, ist einer der angesehensten Bürger unserer Stadt. Er ist sehr reich und ein großer Patriot.“

„Warum erlaubt er dann, daß der Dreispitz auf ihm reitet?“

Der Wirt zog mich etwas auf die Seite, lächelte überlegen und sagte: „Bei uns betrachtet man das als eine Ehre, die einem selten zuteil wird.“

Er erzählte mir noch eine Menge, aber ich konnte in meiner Aufregung nichts behalten; nur die letzten Worte blieben mir im Ohr: „Das ist ein großer Dienst am Vaterland, den nicht jedes Volk zu schätzen weiß.“

Wir kamen zur Versammlung, als man gerade im Begriff war, das Ehrenpräsidium zu wählen. Die eine Gruppe hatte einen gewissen Kolb als Kandidaten aufgestellt, eine andere einen gewissen Talb und die dritte einen Kandidaten, an dessen Namen ich mich nidit erinnere. Es entstand großer Tumult, weil jede Gruppe unbedingt ihren Mann durchsetzen wollte.

„Ich glaube, daß man als Präsidenten einer so wichtigen Versammlung keinen besseren Mann finden kann als Kolb“, sagte einer aus der ersten Gruppe. „Seine bürgerlichen Tugenden und sein Mut sind uns allen wohlbekannt. Ich glaube, auf keinem anderen sind unsere Häuptlinge so oft geritten wie auf ihm.“

„Was sprichst du da?“ zischte einer aus der zweiten Gruppe. „Auf dir ist nicht einmal ein Praktikant geritten!“

„Wir kennen eure Tugenden!“ schrie einer aus der dritten Gruppe. „Ihr habt nicht einen einzigen Peitschenhieb ausgehalten, ohne zu winseln!“

„Brüder!“ begann Kolb. „Einigen wir uns! Es ist wahr — auf mir sind unsere Würdenträger schon vor zehn Jahren geritten, sie haben mich tüchtig mit der Peitsche traktiert, und ich habe nicht geschrien. Aber vielleicht gibt es verdienstvollere Leute unter uns, jüngere Kräfte.“

„Es gibt keine!“ schrien seine Anhänger.

„Wir wollen nichts von früheren Verdiensten hören!“ schrie einer aus der zweiten Gruppe. „Es ist schon zehn Jahre her, daß ein Höherer auf Kolb geritten ist!“

„Es gibt jüngere Kräfte!“ schrie die dritte Gruppe. „Wir wollen von den Alten nichts mehr wissen!“

Die Menge verstummte plötzlich und bildete eine Gasse, durch die ein junger Mann von etwa dreißig Jahren geschritten kam. Alle, an denen er vorbeiging, verbeugten sich tief.

„Wer ist das?“ fragte ich den Wirt.

„Der Erste unter den Bürgern. Ein noch junger, aber vielversprechender Mann. Trotz seiner Jugend ist der Gemeindediener schon dreimal auf ihm geritten. Er ist sehr populär.“

„Vielleicht fällt die Wahl auf ihn.“

„Das ist mehr als sicher. Alle bisherigen Kandidaten sind schon ältere Leute, über die die Zeit schon hinweggegangen ist. Auf dem Jungen ist der Gemeindediener erst gestern geritten!“ Und er fügte ehrfürchtig hinzu: „Er heißt Kleard.“

Man ließ Kleard den Ehrenplatz.

„Ich glaube“, unterbrach Kolb die Stille, „daß wir keinen besseren Mann zum Präsidenten bekommen können als Kleard. Er ist jung, und die Älteren unter uns können sich bei weitem nicht mit ihm messen.“

„So ist es! Es lebe Kleard!“ rief die Menge.

Kolb und Talb führten ihn zum Präsidentenpodium. Alle verneigten sich tief.

„Ich danke euch, Brüder“, sagte Kleard, „für eure Aufmerksamkeit und für diese hohe Ehre, die ihr mir heute einhellig erwiesen habt. Die Hoffnungen, die ihr in mich gesetzt habt, sind sehr schmeichelhaft. Es ist nicht leicht, die Wünsche des Volkes in diesen schweren Tagen in die Tat umzusetzen. Aber ich werde mich mit allen Kräften bemühen, euer Vertrauen zu rechtfertigen; ich werde euch überall würdig vertreten und mein Ansehen hochhalten. Ich danke euch, Brüder, für die Wahl.“

„Er lebe! Er lebe! Er lebe!“ donnerte es von allen Seiten.

„Gestattet mir, Brüder, euch nun einiges über das bevorstehende wichtige Ereignis zu sagen. Es ist nicht leicht, all die Schmerzen und Qualen, die uns erwarten, zu ertragen; es ist nicht angenehm, wenn einem mit glühendem Eisen ein Brandmal auf die Stirn gedrückt wird. Ja, diesen Qualen ist nicht jeder gewachsen. Die Feiglinge mögen zittern und vor Angst erbleichen, wir aber werden in keinem Augenblick vergessen, daß wir Nachkommen unserer großen Vorfahren sind und daß in unseren Adern das edle Heldenblut unserer Urgroßväter fließt, jener furchtlosen Ritter, die nicht einmal mit den Zähnen knirschten, als sie für die Freiheit und für unser aller Wohl starben. Gering sind unsere Schmerzen, verglichen mit ihren Opfern. Sollen wir uns als dekadent und feig erweisen, jetzt, da wir in Freiheit und Überfluß leben? Jeder echte Patriot wird es nicht zulassen, daß unsere Art sich vor aller Welt mit Schande bedeckt, er wird darum die Schmerzen männlich und gefaßt ertragen.“

„So ist es! Er lebe! Er lebe!“

Es meldeten sich noch einige feurige Redner, die mit denselben Worten wie Kleard das eingeschüchterte Volk ermutigten. Dann meldete sich ein blasser, erschöpfter Greis mit zerfurchtem Gesicht und schneeweißem Haar und Bart. Er ging gebückt, und vor Altersschwäche zitterten ihm Knie und Hände. Seine Stimme bebte, und in seinen Augen glänzten Tränen.

„Kinder!“ begann er, und die Tränen rollten ihm durch die Gesichtsfurchen in den weißen Bart. „Ich werde bald sterben, aber ich werde diese Schande nicht über mich ergehen lassen! Ich habe hundert Jahre ohne ein Sklavenmal gelebt, und jetzt soll ich es mir auf meinen grauen Schädel drücken lassen?“

„Nieder mit dem alten Halunken!“

„Nieder mit ihm!“ schrien die einen.

„Der alte Feigling!“ schrien die anderen.

„Statt die Jüngeren zu ermutigen, erschreckt er nur das Volk!“ schrien die dritten. „Er soll sich seines grauen Hauptes schämen!“

„Er hat lange genug gelebt, und jetzt hat er noch Angst!“

„Nieder mit dem Feigling! Verräter! Hinaus mit ihm!“

Die aufgeregte Menge junger, mutiger Bürger stürzte sich auf den ausgemergelten Greis und begann in ihrem Zorn, ihn zu schlagen und über den Boden zu schleifen. Nur wegen seines hohen Alters ließen sie ihn am Leben.

Danach schworen alle, daß sie sich am nächsten Tag mit freudigem Gesicht und voller Stolz auf ihre Menschenart das Brandmal aufdrücken lassen würden. Die Versammlung ging in größter Ordnung auseinander.

„Morgen werden wir zeigen, wer wir sind!“

„Morgen werden wir sehen, wie sich die Großmäuler benehmen!“

„Es ist die Zeit gekommen, da jeder zeigen muß, ob er etwas wert ist oder nicht, da die Spreu vom Weizen geschieden wird!“

Ich ging zurück ins Wirtshaus.

„Hast du nun gesehen, wer wir sind?“ fragte stolz der Wirt.

„Ich habe es gesehen“, antwortete ich mechanisch und spürte, wie mich die Kräfte verließen und wie mir der Kopf von den seltsamen Eindrücken brummte.

Am gleichen Tag las ich in der Zeitung einen Leitartikel folgenden Inhalts:

„Bürger! Die Zeit des leeren Geredes ist vorbei! Der Augenblick, da Ihr Euren Wert mit Taten beweisen müßt, ist gekommen! Wir hoffen, daß es unter Euch nicht allzu viele Feiglinge geben wird, die darauf warten, von den Behörden mit Gewalt dorthin gebracht zu werden, wo das Brandmal aufgedrückt wird. Jeder, der in sich noch einen Tropfen vom Heldenblut unserer Vorfahren spürt, wird sich zum Brandmal drängen! Er wird voll Stolz den Schmerz ertragen, denn es ist der Schmerz des Nationalbewußtseins und der Liebe zum Vaterland! Vorwärts, Bürger, zum Morgen der ritterlichen Bewährung!“

Mein Wirt hatte sich gleich nach der Versammlung niedergelegt, um am nächsten Tag schon in aller Frühe aufbrechen zu können.

Viele ließen sieb schon am Abend vor dem Rathaus nieder, um sich die ersten Plätze zu sichern.

Am nächsten Tag ging auch ich vors Rathaus. Groß und klein, Männer und Frauen hatten sich auf dem Platz niedergelassen. Einige Mütter trugen auch ihre Kleinsten auf den Armen, um sie mit dem Sklavenmal, pardon, mit dem Ehrenmal brandmarken zu lassen, damit sie später leichter in den Staatsdienst kommen könnten.

Man drängte sich und schimpfte (darin glichen sie ein wenig uns Serben), stieß mit den Ellbogen, um früher an die Reihe zu kommen. Einige würgten einander.

Das Brandmal drückte ein Beamter in feierlich weißer Kleidung auf.

„Langsam, um Gottes willen!“ beruhigte er das Volk. „Jeder wird an die Reihe kommen. Warum drängt ihr euch so? Ihr seid doch kein Vieh!“

Es ging sehr schnell. Der eine schrie auf, der andere stöhnte nur, aber keiner blieb ganz still.

Ich konnte diese Quälerei nicht länger mit ansehen und ging ins Wirtshaus, in dem schon einige Gebrandmarkte aßen und tranken.

„Jetzt haben wir es hinter uns!“ sagte einer.

„Wir haben nicht einmal gemuckst, und Talb hat geschrien wie ein Esel!“ sagte ein zweiter.

„Da hast du deinen Talb! Und gestern wolltest du ihn zum Präsidenten wählen!“

„Wer hätte das auch ahnen können!“

Während sie sprachen, wanden sie sich in Schmerzen und stöhnten, aber jeder schämte sich vor dem anderen.

Auch Kleard hatte sich nicht bewährt; er hatte gestöhnt. Aber ein anderer, ein gewisser Lear, hatte sich als Held ausgezeichnet. Er hatte von dem Beamten verlangt, ihm zwei Brandmale aufzudrücken. Die ganze Stadt sprach mit größter Hochachtung von ihm. Einige Tage lang ging er mit seinen zwei Brandmalen auf der Stirn stolz und hochmütig, voll Ruhm und von allen bestaunt, durch die Stadt. Er war der Held des Tages. Die Mütter zeigten ihn ihren Kindern und flüsterten ehrfurchtsvoll: „Das ist Lear! Der Held, der nicht gemuckst hat, als man ihm zwei Brandmale auf die Stirn drückte!“ Die Zeitungen schrieben voller Lob über ihn und brachten sein Bild auf der ersten Seite.

Als ich diese Lobgesänge hörte, begann das serbische Heldenblut in mir zu kochen. Auch unsere Vorfahren sind für die Freiheit gepfählt worden! Auch wir haben eine ruhmreiche Vergangenheit! Der Nationalstolz nahm von mir Besitz, und die Eifersucht trieb mich zum Rathaus, wo ich die Ehre meines Volkes retten wollte.

„Was lobt ihr euren Lear?“ schrie ich. „Ihr habt noch nie einen richtigen Helden gesehen! Drückt mir zehn Brandmale auf die Stirn!“

Der Beamte im weißen Anzug beugte sich über mich, er hielt das glühende Eisen schon in der Hand, aber in diesem Augenblick erwachte ich. Ich ärgerte mich entsetzlich. Ausgerechnet in dem Augenblick, da ich Lears Ruhm verdunkeln wollte, mußte mir das passieren!

 

Quelle: Dor, Milo (red.), Ein Orden für Argil: Jugoslawien in Erzählungen seiner besten zeitgenössischen Autoren, Horst Erdmann Verlag,  Lenningen 1965. (Übersetzt von Milo Dor und Reinhard Federmann)