Tag Archive | Patriotismus

Soldat um jeden Preis

Es war für mich die Zeit gekommen, einzurücken, aber niemand rief mich zu den Fahnen. Ein patriotisches Gefühl bemächtigte sich meiner und ließ mich Tag und Nacht nicht zur Ruhe kommen. Ich ging durch die Straßen und ballte meine Fäuste, und wenn ein Ausländer vorüberging, knirschte ich mit den Zähnen und mußte mich gewaltsam zurückhalten, ihn am Kragen zu packen und ihm eine herunterzuhauen. Alle Nächte träumte ich, daß ich den Feinden die Kehle durchschnitt und mein Blut für das Vaterland vergoß. Ich konnte meine Einberufung kaum erwarten; aber ich wartete vergebens. Ich sah zu, wie man andere an der Brust packte und sie in die Kaserne stopfte, und ich beneidete sie.

Eines Tages bekam ein alter Mann, der zufällig genauso hieß wie ich, den Gestellungsbefehl. Das Schreiben war in scharfem Ton gehalten und forderte den alten Mann auf, sich als Fahnenflüchtiger unverzüglich der Kommandantur zu stellen.

„Wieso fahnenflüchtig?“ fragte der Alte. „Ich habe an drei Kriegen teilgenommen und wurde mehrmals verwundet. Hier, sehen Sie!“ Er zeigte seine Narben.

„Das ist alles schön und gut, trotzdem müssen sie zum Kommandanten.“

Der Kommandant jagte ihn hinaus.

„Was suchst du hier, du alter Esel?“ schrie er ihn an, und der Alte konnte noch von Glück reden, daß er keine Schläge bekam. Hätte man den Alten nicht auf diese Weise hinausgejagt, wäre ich in meiner heißen Liebe zum Kasernenleben geneigt gewesen, zu glauben, daß die Protektionswirtschaft schon allzu weit gediehen sei.

Meine übermächtige unerfüllte Begierde trieb mich in eine schwere Depression. Sooft ich an einem Offizier vorbeiging, stampfte ich auf und hieb meine Füße so fest aufs Pflaster, daß mir die Sohlen wehtaten, nur um als guter Soldat aufzufallen, aber vergeblich. Man schien mich einfach vergessen zu haben.

Die Ungewißheit machte mich so fertig, daß ich mich hinsetzte, um eine Bittschrift zu verfassen, in der ich um Aufnahme in die Armee ansuchte. Ich legte mein ganzes heißes patriotisches Gefühl in diesen Brief und schloß mit den Worten: „Ach, Herr Kommandant, wenn Sie wüßten, wie mutig mein Herz schlägt und wie mir das Blut in den Adern kocht, und nur in Erwartung der langersehnten Stunde, in der man mich zur Verteidigung der Krone und des Vaterlandes ruft, zum Verteidiger der Freiheit und der serbischen Altäre und zum Rächer der Schlacht auf dem Amselfeld.“

Ich verzierte die Bittschrift mit Ornamenten, wie man ein Liebesgedicht verziert, und war sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Noch ganz gerührt von meiner großen Hoffnung stand ich auf und ging schnurstracks zur Kommandantur.

„Kann ich zum Herrn Kommandanten?“ fragte ich den Soldaten, der am Tor stand.

„Ich weiß nicht“, sagte er gleichgültig.

„Ich bitte dich, geh zu ihm und sage ihm: es ist einer gekommen, der in die Armee aufgenommen werden will.“ Ich glaubte, daß er mir liebenswürdig zulächeln und gleich zum Kommandanten stürzen würde, um die Ankunft eines neuen Soldaten zu melden; daß der Kommandant mir in der Tür entgegentreten, die Hand auf die Schulter legen und ausrufen würde: „Bravo, mein Falke! Komm nur zu uns!“

Stattdessen sah der Soldat mich mitleidig an, und sein stummer Blick schien zu sagen: Du armer Idiot, du wirst es noch bereuen. Damals verstand ich seinen Blick natürlich nicht, ich wunderte mich nur, warum er mich so ansah.

Lange stand ich vor der Tür, ging umher, rauchte, saß, spuckte auf den Boden, schaute durchs Fenster hinein, gähnte und unterhielt mich mit den Bauern, die ebenfalls auf Einlaß warteten. In den Büros ging es sehr lebendig zu: man hörte Rumoren, Schreien und Fluchen. Ununterbrochen wurden Befehle gegeben und alle Korridore hallten von dem Ruf: „Jawoll!“ Sobald der Befehl und das „Jawoll“ mehrmals wiederholt worden waren, immer vom Vorgesetzten zum Untergebenen, sah man den jüngsten Gemeinen über den Korridor schnellen und in ein anderes Zimmer stürzen, wo sich der Ruf von neuem fortpflanzte. Es war herrlich zuzusehen.

Plötzlich läutete es im Zimmer des Kommandanten. Der Gemeine trat ein. Man hörte drinnen dumpfes Gemurmel, dann schrie der Soldat aus vollem Hals: „Jawoll!“ Darauf erschien er ganz rot vor Eifer und gab einen Seufzer der Erleichterung von sich, darüber, daß er die Angst überstanden und alles glänzend erledigt hatte. Er rief: „Wer will, kann zum Herrn Kommandanten kommen!“ Dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

Ich ging als erster hinein. Der Kommandant empfing mich an seinem Schreibtisch sitzend und rauchte eine Zigarre.

„Guten Tag“, begrüßte ich ihn.

„Was gibts?“ fragte er mit Donnerstimme, und mir war, als würden mir plötzlich die Beine abgeschnitten. Ich schwankte, und nachdem ich mich ein bißchen erfangen hatte, gab ich zurück: „Warum schreien Sie so, mein Herr?“

„Du willst mich belehren? Marsch hinaus!“ schrie er und stampfte mit dem Fuß.

Ich spürte am ganzen Körper kribbeln wie von Ameisen, und es war mir, als sei mein patriotisches Gefühl mit kaltem Wasser begossen worden. Aber ich hoffte, daß alles sich ändern würde, sobald ich ihm den Grund meines Kommens erklärte.

„Ich bin gekommen, um meiner Wehrpflicht zu genügen“, sagte ich voll Stolz, pflanzte mich kerzengerade vor ihm auf und sah ihm direkt in die Augen.

„Ah, Deserteur!“ schrie er. „Warte nur! Solche Vögel machen uns besondere Freude!“ Er drückte auf den Klingelknopf.

Die Tür ging auf, und herein trat der Feldwebel. Er ging, als hätte er einen Besen geschluckt, mit weit aufgerissenen Augen, die Hände an die Schenkel gepreßt. Er trampelte so auf, daß ich Ohrensausen bekam. Dann blieb er stehen, trampelte noch einmal auf und versteinerte. „Zu Befehl, Herr Oberst!“

„Den Kerl da mitnehmen, Kopf kahlscheren, einkleiden und einsperren.“

„Jawoll!“

„Hier ist meine Bittschrift, ich bitte Sie“, stammelte ich und begann zu zittern. „Ich bin kein Deserteur, ich komme freiwillig zur Armee.“

„Du bist kein Deserteur? Was willst du dann mit dieser Bittschrift?“

„Ich möchte Soldat werden.“

„Natürlich. Der Herr will zur Armee. Hm, hm. So. Ganz einfach von der Straße weg und, hops, in die Kaserne, um sich der Pflicht schnell zu entledigen, als wäre hier ein Jahrmarkt.“

„Aber mein Jahrgang ist doch dran!“

„Ich kenne dich nicht und ich will nichts davon hören“, begann der Kommandant, unterbrach sich aber, als ein anderer Offizier mit einem Bündel Akten unter dem Arm eintrat.

„Sehen Sie bitte in der Rekrutenliste nach, ob der da eingetragen ist“, sagte er zu dem Offizier, zeigte auf mich und fügte, ohne mich anzusehen, hinzu: „Wie heißt du?“

Ich überreichte ihm meine Bittschrift.

„Was soll ich mit dem Dreck?“ schrie er und schlug mit der Handfläche auf meine Ornamente. Das Papier flatterte zu Boden.

Mein armer lyrischer Stil! dachte ich und vergaß vor Trauer meinen Namen zu sagen.

„Wie heißt du? Bist du taub?“

„Radisaw Radosawlewitsch.“

„Sehn Sie im Kataster nach“, befahl der Kommandant dem Offizier.

„Jawoll!“ Der Offizier ging in seine Kanzlei und sagte dort zu einem jüngeren Offizier: „Sehn Sie im Kataster nach, ob sich dort ein gewisser Radisaw befindet.“

„Jawoll!“ schrie der jüngere Offizier und ging auf den Korridor, wo er dem Feldwebel den Befehl weitergab.

„Jawoll! Jawoll!“ echote es immer weiter im Korridor. Der Feldwebel befahl es dem Unteroffizier, der Unteroffizier einem Gefreiten, und der befahl es einem Gemeinen.

„Kataster! Kataster!“ donnerte es durch das ganze Gebäude. Man begann schwere Aktenbündel auf die Tische zu werfen. Die Blätter rauschten, es wurde fieberhaft gearbeitet.

In derselben Reihenfolge, in der der Befehl weitergegangen war, kam auch die Antwort zurück, nur umgekehrt. Der Feldwebel kam zum Kommandanten.

„Also?“

„Bitte Herrn Oberst melden zu dürfen, daß der betreffende Soldat laut Kataster verstorben ist.“

Ich war einer Ohnmacht nahe, und beinahe bereit zu glauben, daß die Meldung stimmte.

„Dieser Soldat ist gestorben“, sagte der Kommandant.

„Aber ich lebe!“ stieß ich ängstlich hervor. Es kam mir vor, als ginge es tatsächlich um mein Leben.

„Hinaus! Marsch! Für mich bist du tot! Du existierst nicht auf der Welt, solange deine Heimatgemeinde dich nicht anmeldet.“

„Aber Herr Oberst… ich versichere… daß ich derjenige bin… ich bin gar nicht tot… ich bin hier.“

„Hinaus! Du wagst es, mir einzureden, daß der Kataster nicht stimmt?“

Es blieb mir nichts anderes übrig als zu gehen. Ich kehrte nach Hause zurück — ich lebte in einem anderen Ort — und versuchte mehrere Tage hindurch, mich zu erholen. Die Lust, Bittschriften zur Aufnahme in die Armee zu verfassen, war mir vergangen.

Seit jenem Ereignis waren kaum drei Monate vergangen, als in unserer Gemeinde ein Akt der Kommandantur eintraf, worin verlangt wurde, mich binnen vierundzwanzig Stunden in die Kaserne zu liefern.

„Du bist ein Deserteur“, sagte mir ein Hauptmann, bei dem ich vorgelassen wurde.

Ich erzählte ihm meine Geschichte.

„Gut. Dann geh nach Hause und bleibe dort, bis die Sache geklärt ist.“

Ich ging. Kaum war ich aber in meinen Ort zurückgekehrt, als mich von einer anderen Kommandantur die Einberufung erreichte. Dort teilte man mir mit, daß ich irrtümlich in die Listen eingetragen worden sei und mich umgehend bei meiner eigenen Kommandantur melden solle. Ich ging in meine Kommandantur und erklärte dort, daß die Kommandantur in M. mich veranlaßt habe, mich hier in K. zu melden.

„Warum bist du dann hergekommen?“

„Ich war zuerst dort, und von dort hat man mich hierher geschickt“, begann ich auseinanderzusetzen.

„Was willst du denn da erklären?“ schnauzte man mich an.

„Wir werden doch besser wissen, wie das alles vor sich geht. Du gehst jetzt schleunigst nach M., dort muß man dich von der Liste streichen und dir eine Bestätigung geben, mit dieser Bestätigung kommst du dann zu uns.“

Ich ging also nach M., dann wieder nach K., und dann wieder nach M. Es wurden viele Befehle gegeben und viele Jawolls geschrien und am Ende stellte sich heraus, daß mich niemand gerufen hatte.

Ich fuhr nach Hause. Dort erwartete mich ein Akt aus M., in dem betont wurde, daß dies schon die zweite Einberufung sei, und daß ich unter schwerster Bewachung sofort hinzubringen sei. So geschah es, und ich diente in M. meine zweijährige Militärzeit ab.

Seither sind fünf Jahre vergangen, und ich hatte schon vergessen, daß ich einmal Soldat war, als man mich eines Tages in die Gemeinde rief. Auf dem Gemeindetisch lag ein zehn Kilo schweres Aktenbündel, geheftet und verschnürt und dann noch in zwei Teile geteilt.

„Ich habe den Befehl, Sie in die Kommandantur zu schicken“, sagte der Gemeindesekretär.

„Schon wieder?“ rief ich angsterfüllt und sah ungläubig auf den Akt. Es war ein Akt mit ein paar hundert Unterschriften, Befehlen, Erklärungen, Anklagen, Antworten, Bestätigungen der geistlichen Behörde, der Schule, ärztlichen Attesten und noch einigem mehr. Aus alldem ging hervor, daß meine Existenz endlich offiziell festgestellt worden war und daß ich demnach nach K. zu kommen habe, um meine Militärzeit abzudienen.

 

Quelle: Dor, Milo (red.), Genosse Sokrates. Serbische Satiren, E. Hunna Verlag, Wien 1963. (Übersetzt von M. Dor und R. Federmann)

Die Aufhebung der Leidenschaften

Wir Serben haben Gott sei Dank all unsere Angelegenheiten in Ordnung gebracht, so daß wir in verdienter Muße gähnen können, solange wir wollen, dösen oder uns auf dem Diwan räkeln. Wenn uns auch das zu langweilig wird, werfen wir zum Spaß einen Blick über unsere Grenzen, um zu sehen, wie es in den anderen unglücklichen Ländern zugeht. Man sagt — Gott bewahre uns davor! —, daß es Länder gibt, in denen die Menschen immer streiten und für irgendwelche Rechte, Freiheiten und Sicherheiten Blut vergießen. Man bekommt eine Gänsehaut, wenn man an jene Unseligen denkt, die ihre Angelegenheiten noch immer nicht in Ordnung gebracht haben, während wir sogar schon dazugekommen sind, uns um die Zustände in China und Japan zu kümmern. Jeden Tag entfernen wir uns weiter von unserem Land, und wenn es so weitergeht, werden die Journalisten ihre Berichte bald vom Mars, vom Merkur oder wenigstens vom Mond schicken.

Auch ich bin Mitglied dieses glücklichen Volkes und will nun, um der Mode Genüge zu tun, von einem fernen Land berichten und von Dingen, die sich dort vor langer Zeit zugetragen haben. Man weiß nicht genau, wo dieses Land lag und wie das Volk hieß; sicher ist nur, daß es nicht in Europa lag, und daß es keine Serben waren: alle Historiker der älteren Schule sind sich darüber einig; die der neueren werden darum wahrscheinlich das Gegenteil behaupten. Im übrigen geht uns die Sache nichts an und ich lasse sie daher fallen auf die Gefahr hin, gegen den allgemeinen Brauch zu verstoßen, von Dingen zu reden, die man nicht versteht, und Dinge zu tun, für die man nicht zuständig ist.

Es steht jedenfalls fest, daß jenes Volk sehr verdorben war, voller Laster und böser Leidenschaften, von denen diese Geschichte handelt. Man wird mir wahrscheinlich gar nicht glauben, daß es jemals so verdorbene Menschen gegeben hat: ich möchte deshalb betonen, daß mein Bericht sich auf dokumentarische Unterlagen stützt. Hier in wortgetreuer Übersetzung einige vertrauliche Mitteilungen, die bei verschiedenen Ministerien eingelaufen sind:

„Der Landwirt N. N. aus K. ist heute nach der Feldarbeit in einem Gasthaus eingekehrt, er hat dort Kaffee getrunken und mit sichtlicher Leidenschaft Zeitungen gelesen, in denen die Regierung angegriffen wird…“

„Der Lehrer T. aus B. pflegt, sobald er die Schule verläßt, Bauern um sich zu versammeln, in der Absicht, sie zur Gründung eines Gesangvereins zu überreden. Dieser Lehrer spielt außerdem mit seinen Schülern und Lehrlingen Murmeln, so daß er als sehr schädlich und gefährlich anzusehen ist. Einigen Bauern hat er aus Büchern vorgelesen und sie überdies dazu angestiftet, selbst Bücher zu kaufen. Dieser schlechte Mensch wird auf die Dauer unerträglich. Er verdirbt die ganze Umgebung, indem er den ruhigen und anständigen Bürgern erzählt, das höchste Gut sei die Freiheit, und sie dazu aufhetzt, die Freiheit zu verlangen. Er raucht auch leidenschaftlich und spuckt während des Rauchens auf den Boden.“

„Der Priester D. aus S. ist heute nach der Messe in die Nachbarstadt gegangen, um dort einer politischen Versammlung beizuwohnen.“

„Der Richter S. ist heute für die Neuwahl des Gemeinderats eingetreten. Dieser lasterhafte Richter bezieht ständig die oppositionelle Zeitung, welche er leidenschaftlich liest. Er hat es auch gewagt, einen Bauern freizusprechen, welcher der Amtsehrenbeleidigung, begangen dadurch, daß er vor Zeugen erklärt hat, er wolle nicht mehr im Laden des Ortsvorstehers Gabor einkaufen, angeklagt war. Item derselbe Richter sieht sehr nachdenklich aus, ein klarer Beweis dafür, daß er voller Laster steckt und über eine großangelegte Verschwörung gegen das Regime grübelt. Man müßte ihn der Beleidigung des Staatsoberhaupts überführen, denn er kann keineswegs ein Freund der Dynastie sein. Er verkehrt nämlich im Kaffeehaus eines gewissen Mohr, dessen Großvater ein intimer Freund des Bruders jenes Leon war, der seinerzeit den Aufstand gegen den Großvater des heutigen Staatsoberhauptes angezettelt hat.“

Es gab noch schlechtere Menschen in jenem unglückseligen Land. Man lese nur folgende Anzeige:

„Der Rechtsanwalt in G. hat einen armen Mann vertreten, dessen Vater im vorigen Jahr umgebracht worden ist. Dieser Rechtsanwalt trinkt leidenschaftlich Bier und geht auf die Jagd. Und was noch schlimmer ist: er hat einen Verein zur Unterstützung armer Leute gegründet. Diese freche Mißgeburt erzählt überall herum, die staatlichen Spitzel seien schlechte Menschen.“

„Professor T. ist heute mit wildfremden Kindern durch die Stadt gelaufen und hat bei einem Gemüsehändler Birnen für sie gestohlen. Gestern hat er mit einer Schleuder nach Tauben geschossen und dabei das Fenster eines staatlichen Gebäudes zertrümmert. Das könnte man ihm noch nachsehen. Aber er besucht regelmäßig politische Versammlungen, wählt bei allen Wahlen, unterhält sich darüber mit den Bürgern, liest Zeitungen und spricht von staatlichen Krediten. Das Register seiner Sünden gegen den Unterricht ließe sich noch beliebig erweitern.“

„Die Handwerker in W. haben einen Leseraum gegründet und versammeln sich jeden Abend dortselbst. Diese Leidenschaft hat tiefe Wurzeln geschlagen, besonders bei den Jüngeren, während sich die Älteren mit dem Gedanken tragen, außer dem Leseraum noch einen Pensionsfonds für Handwerker zu gründen. Dies kann in unserer Gegend nicht geduldet werden, da es alle Menschen, die nicht auf die Regierung schimpfen, verderben würde. Einige Handwerker haben sogar die Erhöhung ihrer Löhne verlangt.“

„Die Bauern in P. verlangen Gemeinde-Autonomie.“

„Die Bürger in T. verlangen das freie Wahlrecht.“

„Viele der hiesigen Beamten verrichten gewissenhaft ihre Arbeit, einer von ihnen spielt sogar Flöte und kann Noten lesen.“

„Der Schreiber Miron tanzt leidenschaftlich bei allen Veranstaltungen und ißt zum Bier Salzmandeln. Man müßte ihn aussiedeln, um ihn von diesen Lastern zu kurieren.“

„Die Lehrerin Hella kauft jeden Morgen Blumen und verdirbt dadurch die ganze Umgebung, besonders die ihr anvertraute Schuljugend.“

Wer könnte all die grausamen Leidenschaften jenes unglückseligen Volks aufzählen? Es genügt zu sagen, daß es in dem ganzen Land nur zehn anständige und ehrsame Menschen gab, und daß alles andere, Männlich und Weiblich, Jung und Alt, verdorben war, von Grund auf, wie man zu sagen pflegt.

Man kann sich vorsteilen, wie es jenen zehn braven Menschen inmitten dieses verdorbenen Volkes ums Herz war: schwer, sehr schwer. Vor allem deshalb, weil sie gezwungen waren, dem Verfall ihres Landes, das sie über alles liebten, zuzusehen. Sie schliefen Tag und Nacht nicht, sondern überlegten immerzu, wie sie ihre sündigen Mitmenschen bessern und ihr Land vor dem Untergang retten könnten. Voll heißer Vaterlandsliebe, voller Tugenden und Edelmut nahmen sie alle Opfer auf sich. Eines Tages, als alle anderen Mittel fehlgeschlagen waren, brachten sie das allerschwerste Opfer und wurden Minister. Sie waren gebildete Leute, trotzdem fiel es ihnen nicht leicht, das Land von Sünden und Leidenschaften zu säubern. Endlich kam der Dümmste von ihnen (in jenem Lande bedeutete das: der Klügste) auf die Idee, ein Parlament einzuberufen und es nur mit Ausländern zu beschicken. Die übrigen Kabinettsmitglieder griffen diesen Vorschlag begeistert auf und mieteten auf Staatskosten etwas über zweihundert Ausländer, die sich gerade geschäftehalber im Lande aufhielten. Wer von den Ausländern sich zur Wehr setzte, wurde mit Gewalt ins Parlament gebracht. So traten einige hundert Ausländer zusammen, um als Vollstrecker des Volkswillens über das Wohl des Landes zu beraten. Es wurden auch gleich Wahlen ausgeschrieben, die das eingesetzte Parlament bestätigen sollten, und so geschah es, denn dies war der Brauch in jenem Lande.

Es begannen die Parlamentssitzungen. Man redete und debattierte, es war nicht leicht, so schwierige Probleme zu lösen. Trotzdem ging alles flott vor sich, nur sobald die Rede auf die Leidenschaften kam, stieß man auf Schwierigkeiten. Bis eines Tages einer der Abgeordneten die geniale Idee hatte, ein Gesetz vorzuschlagen, nach dem alle Leidenschaften im Lande aufgehoben werden sollten.

„Es lebe der Redner! Er lebe hoch!“ donnerte der ganze Saal.

Es wurde folgender Beschluß gefaßt:

„In der Einsicht, daß die Leidenschaften für das Volk schädlich sind, fühlt sich die Volksvertretung bewogen, dem neuen Gesetzeswerk noch einen Zusatz anzufügen:

,Von heute an hören alle Leidenschaften auf; sie werden als schädigend für Volk und Land aufgehoben. ‘“

Es waren seit diesem denkwürdigen Beschluß kaum fünf Minuten verstrichen, und niemand außer den Volksvertretern wußte noch davon, als eine merkwürdige Verwandlung mil dem ganzen Volk vorging. Ich glaube, es wird genügen, wenn ich hier einige Stellen aus einem Tagebuch jener Zeit übersetze:

„Ich habe immer leidenschaftlich geraucht. Sobald ich aufwache, muß ich nach einer Zigarette greifen. Eines Tages wache ich auf und taste wie gewöhnlich nach der Zigarettenschachtel. Irgendwie fühle ich mich nicht ganz wohl (in diesem Augenblick hat jener Abgeordnete den Gesetzesvorschlag eingebracht, Anm. d. Autors), und plötzlich spüre ich meine Hund zittern, und die Zigaretten fallen zu Boden; ich sehe sie mit Widerwillen an und spucke aus… ich werde nicht mehr rauchen, denke ich und wende meinen Blick von diesem abscheulichen Gift. Während ich mich noch über meine Verwandlung wundere, gehe ich in den Hof hinaus, und was seh’ ich dort? Mein Nachbar, ein eingefleischter Säufer, der es nicht eine Stunde ohne Wein aushalten konnte, steht kerzengerade und nüchtern da und kratzt sich am Hinterkopf.

,Da ist der Wein‘, sagt der Diener und reicht ihm wie gewöhnlich die Flasche.

Mein Nachbar greift nach der Flasche und schleudert sie auf den Boden, daß sie in tausend Stücke zerspringt.

,Ein gräßliches Gesöff!‘ ruft er voll Abscheu. Dann bittet er um Süßigkeiten und Wasser. Seine Frau beginnt über die wunderbare Errettung ihres Mannes Freudentränen zu weinen. Ein anderer Nachbar, der immer ein leidenschaftlicher Zeitungsleser gewesen ist, sitzt merkwürdig verwandelt an seinem Fenster.

,Haben Sie Ihre Zeitung noch nicht bekommen?‘ frage ich.

,Ich kann so etwas Langweiliges und Abgeschmacktes nicht mehr sehen‘, gibt er zur Antwort. ,Ich überlege gerade, ob ich mich dem Studium der griechischen Grammatik oder der Archäologie zuwenden soll.‘

Ich gehe auf die Straße, und die ganze Stadt scheint verwandelt zu sein. Ein verbissener Politiker, der gerade zu einer Versammlung gehen wollte, kehrt plötzlich um und läuft eilig nach Hause. Auf meine Frage erklärt er, er halte es für weitaus wichtiger, zu Hause einige Bücher über Landwirtschaft und Industrie herzunehmen, um seine Kenntnisse zu vervollkommnen.

Ganz verdutzt kehre ich nach Hause zurück, um einen Leitfaden der Psychologie zu Rate zu ziehen. Ich will das Kapitel ,Leidenschaften‘ nachschlagen — aber ich finde nur noch die Überschrift: die folgenden Blätter sind leer und weiß, als wäre nie etwas darauf gedruckt gewesen. Was ist da geschehen? In der ganzen Stadt ist kein leidenschaftlicher Mensch mehr zu finden! Sogar das Vieh ist gescheiter geworden. Erst am nächsten Tag lesen wir in der Zeitung, daß die Volksvertretung einen Beschluß zur Aufhebung der Leidenschaften gefaßt hat. Da endlich wird uns klar, was mit uns geschehen ist.“

Dieser Auszug aus dem Tagebuch eines Zeitgenossen wird hinreichen, die Stimmung, die nach dem Beschluß der Volksvertretung im Volke entstanden ist, klarzumachen. Bald wurde die Leidenschaftslosigkeit zu einem selbstverständlichen Zustand und die allgemeine Verwunderung hörte auf. Die Professoren belehrten ihre Schüler über das Kapitel „Leidenschaften“ ungefähr folgendermaßen:

„Einst gab es in der menschlichen Seele auch Leidenschaften, im übrigen eines der schwierigsten und kompliziertesten Kapitel der Psychologie. Aber mit dem Beschluß der Volksvertretung wurden die Leidenschaften aufgehoben, so daß sich dieses Kapitel weder in der menschlichen Seele noch in der Psychologie mehr findet. Am soundsovielten soundsovielten im Jahre soundsoviel wurden die Leidenschaften aufgehoben.“

„Gott sei Dank!“ flüsterten die Schüler. „Wir brauchen es nicht mehr zu lernen.“ Wenn die Prüfungsfrage „Leidenschaften?“ gestellt wurde, so genügte folgende Antwort:

„Am soundsovielten soundsovielten im Jahre soundsoviel wurden durch Beschluß der Volksvertretung die Leidenschaften abgeschafft.“

Wenn die Schüler diesen Satz fehlerlos aufsagten, bekamen sie die Note ,Vorzüglich‘.

So wurde dieses Land vor den Leidenschaften gerettet. Es gedieh von Jahr zu Jahr prächtiger, und einer alten Sage zufolge sollen seine Einwohner nach einer gewissen Zeit zu Engeln geworden sein.

 

Quelle: Dor, Milo (red.), Genosse Sokrates. Serbische Satiren, E. Hunna Verlag, Wien 1963. (Übersetzt von M. Dor und R. Federmann)

Das Brandmal

Ich hatte einen furchtbaren Traum. Ich wunderte mich nicht so sehr über den Traum selbst als über meinen Mut, so fürchterliche Dinge zu träumen, da ich doch ein stiller und redlicher Bürger Serbiens bin. Wäre ich wenigstens eine Ausnahme unter meinen Mitbürgern! Ich bin es gar nicht; ich gleiche allen anderen aufs Haar, ja, ich kann sogar behaupten, daß ich noch vorsichtiger bin als sie. Einmal sah ich auf der Straße den abgerissenen Knopf einer Polizeiuniform liegen; ich starrte fasziniert auf seinen zauberhaften Glanz und wollte, braver Gedanken voll, gerade an ihm Vorbeigehen, als es in mir jäh einen Ruck gab. Ich verneigte mich ehrfürchtig und setzte schnell das süße, untertänige Lächeln auf, mit dem man die Obrigkeit zu grüßen pflegt.

Alle Achtung! dachte ich. In meinen Adern fließt wirklich edles Blut. Mit einem verachtungsvollen Blick strafte ich einen Lümmel, der gerade des Weges kam und mit seinem schmutzigen Stiefel auf den Knopf trat.

„Dreckfink!“ rief ich zornig und spuckte vor ihm aus. Dann ging ich beruhigt weiter und tröstete mich mit dem Gedanken, daß es nur wenige solcher Lümmel in unserem Lande gibt. Ich war von der Gewißheit erfüllt, daß mir der liebe Gott ein empfindsames Herz und edles Heldenblut beschert hat, dasselbe, das auch in den Adern meiner Vorfahren geflossen ist.

Sie sehen, ich bin wirklich ein netter Mensch, der sich in nichts von anderen Bürgern unterscheidet. Auch Sie werden sich wundern, wieso gerade mir so dumme und grausame Dinge im Traum widerfahren.

An diesem Tag ereignete sich nichts Besonderes. Ich aß ausgiebig zu Abend, stocherte eine Zeitlang in den Zähnen und trank dazu langsam meinen Wein. Nachdem ich auf diese Weise von meinen bürgerlichen Rechten mutig Gebrauch gemacht hatte, legte ich mich ins Bett und nahm ein Buch zur Hand, um schneller einschlafen zu können. Wirklich fiel mir das Buch bald aus der Hand, und ich schlief ein wie ein Lamm, ruhigen Gewissens, weil ich an diesem Tag all meine Pflichten aufs genaueste erfüllt hatte.

Plötzlich befand ich mich auf einem schmutzigen und steilen Pfad, mitten in klarer, dunkler Nacht. Der Wind pfiff durch kahle Äste und stach mich in die bloße Haut. Von dem stummen, grausamen Himmel wehte mir ein feines Schneegeriesel ins Gesicht und in die Augen. Nirgends eine Seele! Ich beeilte mich und rutschte wiederholt aus auf diesem schlammigen Weg. Ich stürzte, richtete mich wieder auf und irrte, wer weiß wohin; die Nacht war keine gewöhnliche Nacht, sondern eine unendliche Nacht, wie ein ganzes Jahrhundert.

So ging ich viele Jahre, der Weg führte mich weit weg von meiner Heimat, in ein unbekanntes, seltsames Land, von dem kein Mensch weiß und das man nur im Traum betritt.

Auf dem Irrweg durch dieses Land kam ich in eine große, dichtbevölkerte Stadt. Auf dem geräumigen Marktplatz dieser Stadt hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt und machte so entsetzlichen Lärm, daß einem die Ohren gellten. Ich kehrte in einem Gasthaus ein und fragte den Wirt, warum diese Menge sich angesammelt habe.

„Wir sind ruhige, anständige Leute“, begann er. „Wir dienen treu und gehorsam unserem Gemeindediener.“

„Ist bei euch der Gemeindediener der Höchste?“ unterbrach ich ihn.

„Ja, bei uns regiert der Gemeindediener; nach ihm kommen die Gendarmen.“

Ich begann zu lachen.

„Warum lachst du? Hast du das nicht gewußt? Woher kommst du?“

Ich erzählte ihm, daß ich mich verirrt hatte und daß ich aus dem fernen Land Serbien kam.

„Ich habe schon von diesem berühmten Land gehört“, flüsterte er und sah mich voller Respekt an. Dann fügte er laut hinzu: „So ist es also bei uns. Der Gemeindediener regiert mit seinen Gendarmen.“

„Was für Gendarmen sind denn das?“

„Gendarmen? Deren gibt es verschiedene, sie unterscheiden sich voneinander je nach dem Rang. Es gibt Vorgesetzte und Untergebene… Wir sind, wie gesagt, ruhige und anständige Leute, aber aus der Umgebung kommt allerhand Gelichter in die Stadt, um uns zu verderben und Böses zu lehren. Damit unsere Bürger sich von allen anderen schon äußerlich unterscheiden, hat unser Gemeindediener für morgen alle Einwohner der Stadt ins Rathaus befohlen, wo jedem ein Brandmal auf die Stirn gedrückt werden wird… Die Menge hat sich nun versammelt, um zu beraten, was geschehen soll.“

Ich erschauerte und nahm mir vor, aus diesem furchtbaren Land zu fliehen, weil ich — obgleich ein edler Serbe — an solches Heldentum nicht gewöhnt war und mich dessen schämte.

Der Wirt lächelte wohlwollend und klopfte mir auf die Schulter.

„Na, Fremder? Du bist doch nicht etwa erschrocken?“ fragte er hochmütig. „Na ja, soviel Mut wie bei uns haben die Leute nirgends.“

„Was gedenkt ihr zu tun?“ fragte ich kleinlaut.

„Du wirst schon sehen, was für Helden wir sind. Ich bin weit herumgekommen, aber soviel Courage habe ich nirgends gefunden. Komm mit; ich muß mich jetzt beeilen.“

Wir wollten gerade weggehen, als vor der Tür ein Peitschenknall erscholl. Ich spähte hinaus und sah, wie ein Mann in einem bunten Anzug und mit reichgeschmücktem Dreispitz auf einem anderen Mann ritt, der einen gutgeschnittenen bürgerlichen Anzug trug; sie hielten vor dem Gasthaus, der Mann mit dem Dreispitz trat ein und setzte sich an einen besonders schön gedeckten Tisch. Der Wirt verneigte sich bis zur Erde, zuerst vor ihm, dann auch — etwas weniger tief — vor dem Mann im bürgerlichen Anzug, der draußen wartete.

„Was bedeutet das?“ fragte ich verwirrt.

„Der Herr mit dem Dreispitz ist ein höherer Gendarm“, flüsterte der Wirt, „und der Mann, der draußen steht, ist einer der angesehensten Bürger unserer Stadt. Er ist sehr reich und ein großer Patriot.“

„Warum erlaubt er dann, daß der Dreispitz auf ihm reitet?“

Der Wirt zog mich etwas auf die Seite, lächelte überlegen und sagte: „Bei uns betrachtet man das als eine Ehre, die einem selten zuteil wird.“

Er erzählte mir noch eine Menge, aber ich konnte in meiner Aufregung nichts behalten; nur die letzten Worte blieben mir im Ohr: „Das ist ein großer Dienst am Vaterland, den nicht jedes Volk zu schätzen weiß.“

Wir kamen zur Versammlung, als man gerade im Begriff war, das Ehrenpräsidium zu wählen. Die eine Gruppe hatte einen gewissen Kolb als Kandidaten aufgestellt, eine andere einen gewissen Talb und die dritte einen Kandidaten, an dessen Namen ich mich nidit erinnere. Es entstand großer Tumult, weil jede Gruppe unbedingt ihren Mann durchsetzen wollte.

„Ich glaube, daß man als Präsidenten einer so wichtigen Versammlung keinen besseren Mann finden kann als Kolb“, sagte einer aus der ersten Gruppe. „Seine bürgerlichen Tugenden und sein Mut sind uns allen wohlbekannt. Ich glaube, auf keinem anderen sind unsere Häuptlinge so oft geritten wie auf ihm.“

„Was sprichst du da?“ zischte einer aus der zweiten Gruppe. „Auf dir ist nicht einmal ein Praktikant geritten!“

„Wir kennen eure Tugenden!“ schrie einer aus der dritten Gruppe. „Ihr habt nicht einen einzigen Peitschenhieb ausgehalten, ohne zu winseln!“

„Brüder!“ begann Kolb. „Einigen wir uns! Es ist wahr — auf mir sind unsere Würdenträger schon vor zehn Jahren geritten, sie haben mich tüchtig mit der Peitsche traktiert, und ich habe nicht geschrien. Aber vielleicht gibt es verdienstvollere Leute unter uns, jüngere Kräfte.“

„Es gibt keine!“ schrien seine Anhänger.

„Wir wollen nichts von früheren Verdiensten hören!“ schrie einer aus der zweiten Gruppe. „Es ist schon zehn Jahre her, daß ein Höherer auf Kolb geritten ist!“

„Es gibt jüngere Kräfte!“ schrie die dritte Gruppe. „Wir wollen von den Alten nichts mehr wissen!“

Die Menge verstummte plötzlich und bildete eine Gasse, durch die ein junger Mann von etwa dreißig Jahren geschritten kam. Alle, an denen er vorbeiging, verbeugten sich tief.

„Wer ist das?“ fragte ich den Wirt.

„Der Erste unter den Bürgern. Ein noch junger, aber vielversprechender Mann. Trotz seiner Jugend ist der Gemeindediener schon dreimal auf ihm geritten. Er ist sehr populär.“

„Vielleicht fällt die Wahl auf ihn.“

„Das ist mehr als sicher. Alle bisherigen Kandidaten sind schon ältere Leute, über die die Zeit schon hinweggegangen ist. Auf dem Jungen ist der Gemeindediener erst gestern geritten!“ Und er fügte ehrfürchtig hinzu: „Er heißt Kleard.“

Man ließ Kleard den Ehrenplatz.

„Ich glaube“, unterbrach Kolb die Stille, „daß wir keinen besseren Mann zum Präsidenten bekommen können als Kleard. Er ist jung, und die Älteren unter uns können sich bei weitem nicht mit ihm messen.“

„So ist es! Es lebe Kleard!“ rief die Menge.

Kolb und Talb führten ihn zum Präsidentenpodium. Alle verneigten sich tief.

„Ich danke euch, Brüder“, sagte Kleard, „für eure Aufmerksamkeit und für diese hohe Ehre, die ihr mir heute einhellig erwiesen habt. Die Hoffnungen, die ihr in mich gesetzt habt, sind sehr schmeichelhaft. Es ist nicht leicht, die Wünsche des Volkes in diesen schweren Tagen in die Tat umzusetzen. Aber ich werde mich mit allen Kräften bemühen, euer Vertrauen zu rechtfertigen; ich werde euch überall würdig vertreten und mein Ansehen hochhalten. Ich danke euch, Brüder, für die Wahl.“

„Er lebe! Er lebe! Er lebe!“ donnerte es von allen Seiten.

„Gestattet mir, Brüder, euch nun einiges über das bevorstehende wichtige Ereignis zu sagen. Es ist nicht leicht, all die Schmerzen und Qualen, die uns erwarten, zu ertragen; es ist nicht angenehm, wenn einem mit glühendem Eisen ein Brandmal auf die Stirn gedrückt wird. Ja, diesen Qualen ist nicht jeder gewachsen. Die Feiglinge mögen zittern und vor Angst erbleichen, wir aber werden in keinem Augenblick vergessen, daß wir Nachkommen unserer großen Vorfahren sind und daß in unseren Adern das edle Heldenblut unserer Urgroßväter fließt, jener furchtlosen Ritter, die nicht einmal mit den Zähnen knirschten, als sie für die Freiheit und für unser aller Wohl starben. Gering sind unsere Schmerzen, verglichen mit ihren Opfern. Sollen wir uns als dekadent und feig erweisen, jetzt, da wir in Freiheit und Überfluß leben? Jeder echte Patriot wird es nicht zulassen, daß unsere Art sich vor aller Welt mit Schande bedeckt, er wird darum die Schmerzen männlich und gefaßt ertragen.“

„So ist es! Er lebe! Er lebe!“

Es meldeten sich noch einige feurige Redner, die mit denselben Worten wie Kleard das eingeschüchterte Volk ermutigten. Dann meldete sich ein blasser, erschöpfter Greis mit zerfurchtem Gesicht und schneeweißem Haar und Bart. Er ging gebückt, und vor Altersschwäche zitterten ihm Knie und Hände. Seine Stimme bebte, und in seinen Augen glänzten Tränen.

„Kinder!“ begann er, und die Tränen rollten ihm durch die Gesichtsfurchen in den weißen Bart. „Ich werde bald sterben, aber ich werde diese Schande nicht über mich ergehen lassen! Ich habe hundert Jahre ohne ein Sklavenmal gelebt, und jetzt soll ich es mir auf meinen grauen Schädel drücken lassen?“

„Nieder mit dem alten Halunken!“

„Nieder mit ihm!“ schrien die einen.

„Der alte Feigling!“ schrien die anderen.

„Statt die Jüngeren zu ermutigen, erschreckt er nur das Volk!“ schrien die dritten. „Er soll sich seines grauen Hauptes schämen!“

„Er hat lange genug gelebt, und jetzt hat er noch Angst!“

„Nieder mit dem Feigling! Verräter! Hinaus mit ihm!“

Die aufgeregte Menge junger, mutiger Bürger stürzte sich auf den ausgemergelten Greis und begann in ihrem Zorn, ihn zu schlagen und über den Boden zu schleifen. Nur wegen seines hohen Alters ließen sie ihn am Leben.

Danach schworen alle, daß sie sich am nächsten Tag mit freudigem Gesicht und voller Stolz auf ihre Menschenart das Brandmal aufdrücken lassen würden. Die Versammlung ging in größter Ordnung auseinander.

„Morgen werden wir zeigen, wer wir sind!“

„Morgen werden wir sehen, wie sich die Großmäuler benehmen!“

„Es ist die Zeit gekommen, da jeder zeigen muß, ob er etwas wert ist oder nicht, da die Spreu vom Weizen geschieden wird!“

Ich ging zurück ins Wirtshaus.

„Hast du nun gesehen, wer wir sind?“ fragte stolz der Wirt.

„Ich habe es gesehen“, antwortete ich mechanisch und spürte, wie mich die Kräfte verließen und wie mir der Kopf von den seltsamen Eindrücken brummte.

Am gleichen Tag las ich in der Zeitung einen Leitartikel folgenden Inhalts:

„Bürger! Die Zeit des leeren Geredes ist vorbei! Der Augenblick, da Ihr Euren Wert mit Taten beweisen müßt, ist gekommen! Wir hoffen, daß es unter Euch nicht allzu viele Feiglinge geben wird, die darauf warten, von den Behörden mit Gewalt dorthin gebracht zu werden, wo das Brandmal aufgedrückt wird. Jeder, der in sich noch einen Tropfen vom Heldenblut unserer Vorfahren spürt, wird sich zum Brandmal drängen! Er wird voll Stolz den Schmerz ertragen, denn es ist der Schmerz des Nationalbewußtseins und der Liebe zum Vaterland! Vorwärts, Bürger, zum Morgen der ritterlichen Bewährung!“

Mein Wirt hatte sich gleich nach der Versammlung niedergelegt, um am nächsten Tag schon in aller Frühe aufbrechen zu können.

Viele ließen sieb schon am Abend vor dem Rathaus nieder, um sich die ersten Plätze zu sichern.

Am nächsten Tag ging auch ich vors Rathaus. Groß und klein, Männer und Frauen hatten sich auf dem Platz niedergelassen. Einige Mütter trugen auch ihre Kleinsten auf den Armen, um sie mit dem Sklavenmal, pardon, mit dem Ehrenmal brandmarken zu lassen, damit sie später leichter in den Staatsdienst kommen könnten.

Man drängte sich und schimpfte (darin glichen sie ein wenig uns Serben), stieß mit den Ellbogen, um früher an die Reihe zu kommen. Einige würgten einander.

Das Brandmal drückte ein Beamter in feierlich weißer Kleidung auf.

„Langsam, um Gottes willen!“ beruhigte er das Volk. „Jeder wird an die Reihe kommen. Warum drängt ihr euch so? Ihr seid doch kein Vieh!“

Es ging sehr schnell. Der eine schrie auf, der andere stöhnte nur, aber keiner blieb ganz still.

Ich konnte diese Quälerei nicht länger mit ansehen und ging ins Wirtshaus, in dem schon einige Gebrandmarkte aßen und tranken.

„Jetzt haben wir es hinter uns!“ sagte einer.

„Wir haben nicht einmal gemuckst, und Talb hat geschrien wie ein Esel!“ sagte ein zweiter.

„Da hast du deinen Talb! Und gestern wolltest du ihn zum Präsidenten wählen!“

„Wer hätte das auch ahnen können!“

Während sie sprachen, wanden sie sich in Schmerzen und stöhnten, aber jeder schämte sich vor dem anderen.

Auch Kleard hatte sich nicht bewährt; er hatte gestöhnt. Aber ein anderer, ein gewisser Lear, hatte sich als Held ausgezeichnet. Er hatte von dem Beamten verlangt, ihm zwei Brandmale aufzudrücken. Die ganze Stadt sprach mit größter Hochachtung von ihm. Einige Tage lang ging er mit seinen zwei Brandmalen auf der Stirn stolz und hochmütig, voll Ruhm und von allen bestaunt, durch die Stadt. Er war der Held des Tages. Die Mütter zeigten ihn ihren Kindern und flüsterten ehrfurchtsvoll: „Das ist Lear! Der Held, der nicht gemuckst hat, als man ihm zwei Brandmale auf die Stirn drückte!“ Die Zeitungen schrieben voller Lob über ihn und brachten sein Bild auf der ersten Seite.

Als ich diese Lobgesänge hörte, begann das serbische Heldenblut in mir zu kochen. Auch unsere Vorfahren sind für die Freiheit gepfählt worden! Auch wir haben eine ruhmreiche Vergangenheit! Der Nationalstolz nahm von mir Besitz, und die Eifersucht trieb mich zum Rathaus, wo ich die Ehre meines Volkes retten wollte.

„Was lobt ihr euren Lear?“ schrie ich. „Ihr habt noch nie einen richtigen Helden gesehen! Drückt mir zehn Brandmale auf die Stirn!“

Der Beamte im weißen Anzug beugte sich über mich, er hielt das glühende Eisen schon in der Hand, aber in diesem Augenblick erwachte ich. Ich ärgerte mich entsetzlich. Ausgerechnet in dem Augenblick, da ich Lears Ruhm verdunkeln wollte, mußte mir das passieren!

 

Quelle: Dor, Milo (red.), Ein Orden für Argil: Jugoslawien in Erzählungen seiner besten zeitgenössischen Autoren, Horst Erdmann Verlag,  Lenningen 1965. (Übersetzt von Milo Dor und Reinhard Federmann)