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Soldat um jeden Preis

Es war für mich die Zeit gekommen, einzurücken, aber niemand rief mich zu den Fahnen. Ein patriotisches Gefühl bemächtigte sich meiner und ließ mich Tag und Nacht nicht zur Ruhe kommen. Ich ging durch die Straßen und ballte meine Fäuste, und wenn ein Ausländer vorüberging, knirschte ich mit den Zähnen und mußte mich gewaltsam zurückhalten, ihn am Kragen zu packen und ihm eine herunterzuhauen. Alle Nächte träumte ich, daß ich den Feinden die Kehle durchschnitt und mein Blut für das Vaterland vergoß. Ich konnte meine Einberufung kaum erwarten; aber ich wartete vergebens. Ich sah zu, wie man andere an der Brust packte und sie in die Kaserne stopfte, und ich beneidete sie.

Eines Tages bekam ein alter Mann, der zufällig genauso hieß wie ich, den Gestellungsbefehl. Das Schreiben war in scharfem Ton gehalten und forderte den alten Mann auf, sich als Fahnenflüchtiger unverzüglich der Kommandantur zu stellen.

„Wieso fahnenflüchtig?“ fragte der Alte. „Ich habe an drei Kriegen teilgenommen und wurde mehrmals verwundet. Hier, sehen Sie!“ Er zeigte seine Narben.

„Das ist alles schön und gut, trotzdem müssen sie zum Kommandanten.“

Der Kommandant jagte ihn hinaus.

„Was suchst du hier, du alter Esel?“ schrie er ihn an, und der Alte konnte noch von Glück reden, daß er keine Schläge bekam. Hätte man den Alten nicht auf diese Weise hinausgejagt, wäre ich in meiner heißen Liebe zum Kasernenleben geneigt gewesen, zu glauben, daß die Protektionswirtschaft schon allzu weit gediehen sei.

Meine übermächtige unerfüllte Begierde trieb mich in eine schwere Depression. Sooft ich an einem Offizier vorbeiging, stampfte ich auf und hieb meine Füße so fest aufs Pflaster, daß mir die Sohlen wehtaten, nur um als guter Soldat aufzufallen, aber vergeblich. Man schien mich einfach vergessen zu haben.

Die Ungewißheit machte mich so fertig, daß ich mich hinsetzte, um eine Bittschrift zu verfassen, in der ich um Aufnahme in die Armee ansuchte. Ich legte mein ganzes heißes patriotisches Gefühl in diesen Brief und schloß mit den Worten: „Ach, Herr Kommandant, wenn Sie wüßten, wie mutig mein Herz schlägt und wie mir das Blut in den Adern kocht, und nur in Erwartung der langersehnten Stunde, in der man mich zur Verteidigung der Krone und des Vaterlandes ruft, zum Verteidiger der Freiheit und der serbischen Altäre und zum Rächer der Schlacht auf dem Amselfeld.“

Ich verzierte die Bittschrift mit Ornamenten, wie man ein Liebesgedicht verziert, und war sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Noch ganz gerührt von meiner großen Hoffnung stand ich auf und ging schnurstracks zur Kommandantur.

„Kann ich zum Herrn Kommandanten?“ fragte ich den Soldaten, der am Tor stand.

„Ich weiß nicht“, sagte er gleichgültig.

„Ich bitte dich, geh zu ihm und sage ihm: es ist einer gekommen, der in die Armee aufgenommen werden will.“ Ich glaubte, daß er mir liebenswürdig zulächeln und gleich zum Kommandanten stürzen würde, um die Ankunft eines neuen Soldaten zu melden; daß der Kommandant mir in der Tür entgegentreten, die Hand auf die Schulter legen und ausrufen würde: „Bravo, mein Falke! Komm nur zu uns!“

Stattdessen sah der Soldat mich mitleidig an, und sein stummer Blick schien zu sagen: Du armer Idiot, du wirst es noch bereuen. Damals verstand ich seinen Blick natürlich nicht, ich wunderte mich nur, warum er mich so ansah.

Lange stand ich vor der Tür, ging umher, rauchte, saß, spuckte auf den Boden, schaute durchs Fenster hinein, gähnte und unterhielt mich mit den Bauern, die ebenfalls auf Einlaß warteten. In den Büros ging es sehr lebendig zu: man hörte Rumoren, Schreien und Fluchen. Ununterbrochen wurden Befehle gegeben und alle Korridore hallten von dem Ruf: „Jawoll!“ Sobald der Befehl und das „Jawoll“ mehrmals wiederholt worden waren, immer vom Vorgesetzten zum Untergebenen, sah man den jüngsten Gemeinen über den Korridor schnellen und in ein anderes Zimmer stürzen, wo sich der Ruf von neuem fortpflanzte. Es war herrlich zuzusehen.

Plötzlich läutete es im Zimmer des Kommandanten. Der Gemeine trat ein. Man hörte drinnen dumpfes Gemurmel, dann schrie der Soldat aus vollem Hals: „Jawoll!“ Darauf erschien er ganz rot vor Eifer und gab einen Seufzer der Erleichterung von sich, darüber, daß er die Angst überstanden und alles glänzend erledigt hatte. Er rief: „Wer will, kann zum Herrn Kommandanten kommen!“ Dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

Ich ging als erster hinein. Der Kommandant empfing mich an seinem Schreibtisch sitzend und rauchte eine Zigarre.

„Guten Tag“, begrüßte ich ihn.

„Was gibts?“ fragte er mit Donnerstimme, und mir war, als würden mir plötzlich die Beine abgeschnitten. Ich schwankte, und nachdem ich mich ein bißchen erfangen hatte, gab ich zurück: „Warum schreien Sie so, mein Herr?“

„Du willst mich belehren? Marsch hinaus!“ schrie er und stampfte mit dem Fuß.

Ich spürte am ganzen Körper kribbeln wie von Ameisen, und es war mir, als sei mein patriotisches Gefühl mit kaltem Wasser begossen worden. Aber ich hoffte, daß alles sich ändern würde, sobald ich ihm den Grund meines Kommens erklärte.

„Ich bin gekommen, um meiner Wehrpflicht zu genügen“, sagte ich voll Stolz, pflanzte mich kerzengerade vor ihm auf und sah ihm direkt in die Augen.

„Ah, Deserteur!“ schrie er. „Warte nur! Solche Vögel machen uns besondere Freude!“ Er drückte auf den Klingelknopf.

Die Tür ging auf, und herein trat der Feldwebel. Er ging, als hätte er einen Besen geschluckt, mit weit aufgerissenen Augen, die Hände an die Schenkel gepreßt. Er trampelte so auf, daß ich Ohrensausen bekam. Dann blieb er stehen, trampelte noch einmal auf und versteinerte. „Zu Befehl, Herr Oberst!“

„Den Kerl da mitnehmen, Kopf kahlscheren, einkleiden und einsperren.“

„Jawoll!“

„Hier ist meine Bittschrift, ich bitte Sie“, stammelte ich und begann zu zittern. „Ich bin kein Deserteur, ich komme freiwillig zur Armee.“

„Du bist kein Deserteur? Was willst du dann mit dieser Bittschrift?“

„Ich möchte Soldat werden.“

„Natürlich. Der Herr will zur Armee. Hm, hm. So. Ganz einfach von der Straße weg und, hops, in die Kaserne, um sich der Pflicht schnell zu entledigen, als wäre hier ein Jahrmarkt.“

„Aber mein Jahrgang ist doch dran!“

„Ich kenne dich nicht und ich will nichts davon hören“, begann der Kommandant, unterbrach sich aber, als ein anderer Offizier mit einem Bündel Akten unter dem Arm eintrat.

„Sehen Sie bitte in der Rekrutenliste nach, ob der da eingetragen ist“, sagte er zu dem Offizier, zeigte auf mich und fügte, ohne mich anzusehen, hinzu: „Wie heißt du?“

Ich überreichte ihm meine Bittschrift.

„Was soll ich mit dem Dreck?“ schrie er und schlug mit der Handfläche auf meine Ornamente. Das Papier flatterte zu Boden.

Mein armer lyrischer Stil! dachte ich und vergaß vor Trauer meinen Namen zu sagen.

„Wie heißt du? Bist du taub?“

„Radisaw Radosawlewitsch.“

„Sehn Sie im Kataster nach“, befahl der Kommandant dem Offizier.

„Jawoll!“ Der Offizier ging in seine Kanzlei und sagte dort zu einem jüngeren Offizier: „Sehn Sie im Kataster nach, ob sich dort ein gewisser Radisaw befindet.“

„Jawoll!“ schrie der jüngere Offizier und ging auf den Korridor, wo er dem Feldwebel den Befehl weitergab.

„Jawoll! Jawoll!“ echote es immer weiter im Korridor. Der Feldwebel befahl es dem Unteroffizier, der Unteroffizier einem Gefreiten, und der befahl es einem Gemeinen.

„Kataster! Kataster!“ donnerte es durch das ganze Gebäude. Man begann schwere Aktenbündel auf die Tische zu werfen. Die Blätter rauschten, es wurde fieberhaft gearbeitet.

In derselben Reihenfolge, in der der Befehl weitergegangen war, kam auch die Antwort zurück, nur umgekehrt. Der Feldwebel kam zum Kommandanten.

„Also?“

„Bitte Herrn Oberst melden zu dürfen, daß der betreffende Soldat laut Kataster verstorben ist.“

Ich war einer Ohnmacht nahe, und beinahe bereit zu glauben, daß die Meldung stimmte.

„Dieser Soldat ist gestorben“, sagte der Kommandant.

„Aber ich lebe!“ stieß ich ängstlich hervor. Es kam mir vor, als ginge es tatsächlich um mein Leben.

„Hinaus! Marsch! Für mich bist du tot! Du existierst nicht auf der Welt, solange deine Heimatgemeinde dich nicht anmeldet.“

„Aber Herr Oberst… ich versichere… daß ich derjenige bin… ich bin gar nicht tot… ich bin hier.“

„Hinaus! Du wagst es, mir einzureden, daß der Kataster nicht stimmt?“

Es blieb mir nichts anderes übrig als zu gehen. Ich kehrte nach Hause zurück — ich lebte in einem anderen Ort — und versuchte mehrere Tage hindurch, mich zu erholen. Die Lust, Bittschriften zur Aufnahme in die Armee zu verfassen, war mir vergangen.

Seit jenem Ereignis waren kaum drei Monate vergangen, als in unserer Gemeinde ein Akt der Kommandantur eintraf, worin verlangt wurde, mich binnen vierundzwanzig Stunden in die Kaserne zu liefern.

„Du bist ein Deserteur“, sagte mir ein Hauptmann, bei dem ich vorgelassen wurde.

Ich erzählte ihm meine Geschichte.

„Gut. Dann geh nach Hause und bleibe dort, bis die Sache geklärt ist.“

Ich ging. Kaum war ich aber in meinen Ort zurückgekehrt, als mich von einer anderen Kommandantur die Einberufung erreichte. Dort teilte man mir mit, daß ich irrtümlich in die Listen eingetragen worden sei und mich umgehend bei meiner eigenen Kommandantur melden solle. Ich ging in meine Kommandantur und erklärte dort, daß die Kommandantur in M. mich veranlaßt habe, mich hier in K. zu melden.

„Warum bist du dann hergekommen?“

„Ich war zuerst dort, und von dort hat man mich hierher geschickt“, begann ich auseinanderzusetzen.

„Was willst du denn da erklären?“ schnauzte man mich an.

„Wir werden doch besser wissen, wie das alles vor sich geht. Du gehst jetzt schleunigst nach M., dort muß man dich von der Liste streichen und dir eine Bestätigung geben, mit dieser Bestätigung kommst du dann zu uns.“

Ich ging also nach M., dann wieder nach K., und dann wieder nach M. Es wurden viele Befehle gegeben und viele Jawolls geschrien und am Ende stellte sich heraus, daß mich niemand gerufen hatte.

Ich fuhr nach Hause. Dort erwartete mich ein Akt aus M., in dem betont wurde, daß dies schon die zweite Einberufung sei, und daß ich unter schwerster Bewachung sofort hinzubringen sei. So geschah es, und ich diente in M. meine zweijährige Militärzeit ab.

Seither sind fünf Jahre vergangen, und ich hatte schon vergessen, daß ich einmal Soldat war, als man mich eines Tages in die Gemeinde rief. Auf dem Gemeindetisch lag ein zehn Kilo schweres Aktenbündel, geheftet und verschnürt und dann noch in zwei Teile geteilt.

„Ich habe den Befehl, Sie in die Kommandantur zu schicken“, sagte der Gemeindesekretär.

„Schon wieder?“ rief ich angsterfüllt und sah ungläubig auf den Akt. Es war ein Akt mit ein paar hundert Unterschriften, Befehlen, Erklärungen, Anklagen, Antworten, Bestätigungen der geistlichen Behörde, der Schule, ärztlichen Attesten und noch einigem mehr. Aus alldem ging hervor, daß meine Existenz endlich offiziell festgestellt worden war und daß ich demnach nach K. zu kommen habe, um meine Militärzeit abzudienen.

 

Quelle: Dor, Milo (red.), Genosse Sokrates. Serbische Satiren, E. Hunna Verlag, Wien 1963. (Übersetzt von M. Dor und R. Federmann)